»Kleine Germanen« macht in einer ungewöhnlichen Verbindung aus Dokumentarund Animationsfilm auf ein kaum aufgearbeitetes
Problem unserer Gesellschaft aufmerksam, das mit Blick auf die rechten Gewaltausschreitungen der letzten Zeit aktueller denn je ist: Kinder, die in einem demokratiefeindlichen Umfeld aufwachsen
und nach dogmatischen Prinzipien rechtsextremer Ideologie erzogen werden. Der Dokumentarfilm blickt aber auch über
die traditionellen Strukturen rechtsextremer Gruppierungen hinaus in einen Teil unserer Mittelstandsgesellschaft, der immer stärker von rechtspopulistischen Strömungen geprägt ist – und konfrontiert den Betrachter mit Protagonisten, die ihre Kinder im Geist einer demokratiefeindlichen Welt erziehen. Die Animationsgeschichte zieht sich als »roter Faden« durch den Film und erzählt das tragische Leben der persönlich betroffenen Elsa nach: Als Kind hat sie mit dem geliebten Opa Soldat gespielt. Mit ausgestrecktem rechten Arm hat sie »Für Führer, Volk und Vaterland!« gerufen und war ganz stolz darauf. Heute blickt sie auf eine Kindheit zurück, die auf Hass und Lügen gebaut war und versucht zu verstehen, was diese Erziehung aus ihr und ihren eigenen Kindern gemacht hat.
Nachgespräch im Anschluss
Moderation: Andreas Hässler
Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992, drei Jahre nach der Wende. Die Tristesse in den verödeten Wohnsiedlungen verstärkt die Frustration der Jugendlichen, die wie die Clique um Stefan, Sohn eines Lokalpolitikers, keine Perspektive haben und hauptsächlich herumhängen. Sie streifen durch die Nacht, grundlose Randale gegen Polizei und Ausländer ist zum Normalzustand geworden. Liebe und Freundschaft sind in diesem System austauschbar. Auch die Vietnamesin Lien lebt mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin in der Siedlung, im »Sonnenblumenhaus«, wo noch zahlreiche weitere Familien ehemaliger Vertragsarbeiter aus
Vietnam wohnen. Am 24. August 1992 finden die beiden parallelen
Erzählstränge des Films zusammen: Es kommt zu Krawallen vor dem Sonnenblumenhaus, das mit Molotov-Cocktails in Brand gesetzt wird, während eine Menschenmenge tatenlos dabei zusieht, wie Lien mit ihrer Familie um ihr Leben kämpft.
Nachgespräch mit Mai-Phuong Kollath
Moderation: N. N.
In 6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage, dem Zeitraum in dem der »Nationalsozialistische Untergrund « zehn Morde gegenüber Migranten und einer deutschen Polizistin verübt haben, nähert sich der Regisseur essayistisch in lyrischem Schwarz-weiß dieser unvergleichlichen rechtsextremistischen Mordserie ausschließlich mit Bildern der zehn Tatorte in einer visuellen kardiographischen Vermessung. Die Orte als stumme Zeugen der Anklage, der Reflexion und Erinnerung. Diese Bilder werden ergänzt von einer Textcollage, bestehend aus Zeitungsmeldungen, Ermittlungsprotokollen, Prozessaussagen, den Statements von Hinterbliebenen und Fachleuten – gelesen von Schauspielern des Berliner Ensembles – die wiederum eingebettet werden in eine Musik-Ton-Komposition des Berliner Musikers Elias Gottstein. Die Orte treten in den Dialog mit den Stimmen der Hinterbliebenen, der Ermittlungsbehörden, der Presse und finden ihren Widerhall in
einem tonalen und musikalischen Reflexionsraum.
»Swobodnik schafft ein beeindruckendes Mahnmal, gewidmet den Opfern und ihren Angehörigen.« (Deutschlandfunk Kultur)
Nachgespräch mit Chana Dischereit
Moderation: Heval Demirdöğen
Seit der Selbstenttarnung des NSU-Trios ist viel über die Täter und das staatliche Versagen im Umgang mit Rechtsterrorismus und bei der Aufarbeitung des NSU-Komplexes gesprochen worden. Immer zu kurz kommt in der öffentlichen Auseinandersetzung allerdings die Perspektive der Opfer und der Hinterbliebenen. Nicht nur, dass sie geliebte Angehörige verloren haben, die plötzlich schmerzhaft aus dem Leben gerissen wurden – auch das Versagen der staatlichen Ermittlungsorgane vor der Aufdeckung des NSU hat tiefe Wunden gerissen und das Vertrauen dieser Menschen in den Staat massiv erschüttert. In allen Mordfällen, die heute dem NSU angelastet werden, außer dem an Michèle Kiesewetter in Heilbronn, wurde zunächst gegen die Opfer selbst und deren Angehörige ermittelt. Aber auch in Heilbronn werfen die Ermittlungspannen bei den Untersuchungen unmittelbar nach der Tat Fragen auf. Unterliegen Migranten bei Ermittlungsbehörden tatsächlich einem Generalverdacht?
Die rechte Szene hat sich in den vergangenen 20 Jahren stark verändert. Gewaltbereite rechte Hooligans in Bomberjacke und Springerstiefeln, wie man sie aus den 1990er-Jahren kennt, sind auf dem Rückzug, stattdessen findet offenbar eine zunehmende
Institutionalisierung rechtsradikalen Denkens und Agierens statt. Das legt nicht nur die Aufdeckung rechter Netzwerke bei Polizei und Bundeswehr nahe, die in den vergangenen Jahren immer wieder Schlagzeilen gemacht hat. Als Reaktion auf die Flüchtlingskrise entstanden 2014 in Deutschland mit Pegida und ihren lokalen Ablegern sowieder Identitären Bewegung zwei neue rechtsideologische Organisationen, die seit dem Rechts-Schwenk der AfD auch eine Reihe von personellen Überschneidungen mit der Partei hervorgebracht haben. Die AfD, als die erste erfolgreiche rechtspopulistische Partei nach 1945, scheint als institutionelles Sammelbecken für unterschiedliche Strömungen
rechtsradikalen Denkens zu fungieren, und ist maßgeblich daran beteiligt, die Grenzen des Sagbaren immer weiter nach Rechts zu verschieben. Die Frage ist, ob sich hinter diesen Beobachtungen bestimmte Strategien ausmachen lassen, und was von dieser Entwicklung in Zukunft zu erwarten sein wird.
Der NSU-Komplex macht in besonderer Weise offenbar, wie tief die Verstrickung staatlicher Sicherheitsorgane in rechtsterroristische Netzwerke geht. Sie reicht von der jahrelangen Finanzierung rechtsextremer VMänner und damit der Strukturen, in denen sie sich bewegten, bis hin zur unerklärlichen
Anwesenheit eines V-Mann-Führers bei einem der Morde des NSU. Die Vertuschungsund Geheimhaltungspolitik des Verfassungsschutzes gegenüber der Aufklärung dieser Verstrickung, der bis 2018 bundesweit immerhin elf Untersuchungsausschüsse gewidmet waren, folgt dabei immer wieder einer Logik von Staatsräson und Staatswohl. Aber wird Staatsräson angesichts der Verbrechen des NSU hier nicht selbst zum Sicherheitsrisiko, auch in Anbetracht der Tatsache, dass es sich beim NSU-Skandal nicht um einen Einzelfall handelt?
In den 1990ern brachen unter Jugendlichen in Ostdeutschland Hass und Gewalt aus, so konnte in Jena der „NSU“ enstehen. Peter Wensierski zeigt Filmausschnitte aus dieser Zeit und berichtet dazu. Anschließend diskutieren Peter Wensierski (Zeitzeuge und Journalist), Dr. Patrice Poutrus (Zeithistoriker und Migrationsforscher), Pastorin Friederike Costa (Ev.-Luth. Kirchenkreis Jena) und Sebastian Jende (Thüringer Ausstiegsberatung und Vorstandsvorsitzender Drudel 11 e. V.) die Frage: Wie können wir verhindern, dass sich der „NSU“ wiederholt?
1991 begannen in Jena die Diskussion über die Aufnahme der ersten »Asylbewerber«. Im Einigungsvertrag war festgehalten, dass auch die ostdeutschen Länder einen Teil der ankommenden Geflüchteten aufnehmen mussten. Wie andere Kommunen war auch Jena auf diese Situation kaum vorbereitet. Wie erlebten Geflüchtete diese Situation? Wie den Rassismus im Alltag oder in den Behörden? Welche asylpolitischen Strukturen und zivilgesellschaftlichen Organisationen entwickelten sich, wie fanden Geflüchtete ihren Platz in der Stadt? Und was hat sich in den letzten dreißig Jahren verändert? Nach der Diskussion auf dem Podium wird eine Fotoausstellung zur Erstaufnahmeeinrichtung im Jenaer Forst eröffnet, die 2001 erstmals gezeigt wurde.
An diesem Abend werden Akteur*innen der Keupstraße auf die nächste Generation treffen: Jugendliche und junge Erwachsene aus dem Import Export Kollektiv des Schauspiel Köln, aus der Migrantifa NRW und dem Jugendladen Keupstraße und alle Interessierten, egal welcher Generation, tauschen sich aus. Fragen, die wir uns an diesem Abend stellen wollen: Ist Trauma vererbbar? Wie können wir uns solidarisieren mit den Hinterbliebenen? Worin unterscheidet sich die Dringlichkeit für antirassistischen Aktivismus und der Solidarisierung mit Betroffenen von 2004 zu heute? Unterscheidet er sich überhaupt?
Der Film erzählt die Geschichte des Nagelbombenanschlags vor einem türkischen Frisörsalon in der Kölner Keupstraße am 09. Juni 2004. Er konzentriert sich dabei auf die Folgen für die Opfer und ihre Angehörigen, gegen die als Hauptverdächtige jahrelang ermittelt wurde. Der Film rekonstruiert die Ermittlungen der Polizei anhand der Verhörprotokolle und es wird deutlich, dass als Täter*innen für die Polizei vor allem die Opfer in Frage kamen. Ein ausländerfeindliches Motiv wurde weitestgehend ausgeblendet. Erst Jahre später wurde der Anschlag dem sogenannten nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zugeordnet. Im Anschluss folgt ein partizipatives Gesprächsformat.