Projekt

Über uns

Kein Schlussstrich! – Kein Einzelfall! – Kein Einzeltäter! – Kein Schlussstrich! – Kein Einzelfall! – Kein Einzeltäter!

Im Herbst 2021 jähren sich die Ermordungen von Abdurrahim Özüdoğru, Habil Kılıç und Süleyman Taşköprü zum 20. Mal. Diese Jahrestage finden inmitten einer Zeit statt, in der sich der Hass in den Parlamenten wie auf der Straße wieder Bahn bricht.

Die Mordserie des sog. Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) wurde nach dem Öffentlichwerden im Jahr 2011 in Teilen der Gesellschaft als einzigartiges Phänomen rechter Gewalt wahrgenommen. Doch lässt sich heute nicht leugnen, dass die Verbrechen des NSU als Speerspitze und Vorreiter eines wiedererstarkten rassistischen, antisemitischen und sich auf vielfache weitere Arten ausdrückenden menschenverachtenden Denkens und Handelns gelesen werden müssen.

Kein Vergessen!

Auch zehn Jahre später sind die Hintergründe des NSU-Komplex immer noch unklar: Die Fragen nach den Verstrickungen behördlicher Organe, nach Mitwisser- und Mittäterschaft sind – trotz des langjährigen Prozesses – nach wie vor nicht befriedigend beantwortet. Der offene und latente Rassismus in Ermittlungsbehörden, das Erstarken und die Unterstützung durch ein wachsendes rechtsextremes Umfeld (re-)traumatisieren die Betroffenen und die Familien der Opfer bis heute. 

Was wir brauchen, um eine solidarische und freie Gesellschaft zu stärken, ist neben Wissen über die Formen und Folgen von Rassismus und Empathie für Opfer und Betroffene auch ein sicherer (Diskurs-)Raum für die Ängste, Erfahrungen und Anliegen von Menschen, die Rassismus erfahren. Rassistische Gewalt in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen, die vereinzelt für öffentliches Entsetzen sorgt, meist aber medial unbeachtet bleibt, ist leider Alltag in der Bundesrepublik Deutschland.

Kein Einzelfall!

Die Morde an Enver Şimşek (2000), Abdurrahim Özüdoğru (2001) und İsmail Yaşar (2005) in Nürnberg, Habil Kılıç (2001) und Theodoros Boulgarides (2005) in München, Süleyman Taşköprü (2001) in Hamburg, Mehmet Turgut (2004) in Rostock, Mehmet Kubaşik (2006) in Dortmund, Halit Yozgat (2006) in Kassel und Michèle Kiesewetter (2007) in Heilbronn sowie weitere Überfälle und Anschläge, wie beispielsweise 2001 und 2004 in Köln, stehen nicht nur stellvertretend für die unzähligen Fälle rechtsextremer und rassistischer Gewalt in Deutschland nach 1945.

Sie sind Sinnbild für Wegsehen, strukturelle Empathielosigkeit mit dem Schmerz der Angehörigen, Verdrängen, fehlenden Aufklärungswillen und falsche Verdächtigungen. Sie sind auch Sinnbild für den massiven Vertrauensverlust in staatliche Institutionen und Sicherheitsbehörden, von denen sich viele Menschen in Deutschland, insbesondere Menschen mit Migrationsgeschichte und BIPoc, unbeschützt und im Stich gelassen fühlen. Die Liste mit offenen Fragen zum NSU-Komplex ist lang, nur sehr unbefriedigend konnten die Untersuchungsausschüsse in Bund und Ländern sowie der Münchener Prozess, inklusive der im Frühjahr 2020 veröffentlichten schriftlichen Urteilsbegründung, Licht ins Dunkel bringen.

Kein Schlussstrich!

Auf Initiative von Jonas Zipf, Werkleiter von JenaKultur in enger Zusammenarbeit mit der Kuratorin Ayşe Güleç, den Dramaturgen Tunçay Kulaoğlu und Simon Meienreis sowie dem Soziologen Matthias Quent hat sich ein Kooperationsnetz von Theatern und Institutionen aus 15 Städten zusammengeschlossen, um gemeinsam das interdisziplinäre Theaterprojekt Kein Schlussstrich! zu realisieren – mit dem Anliegen, die Taten und Hintergründe des NSU künstlerisch zu thematisieren. Beteiligt sind Akteure in den Städten, in denen zehn Bürger:innen von Rassisten ermordet wurden, wie auch jene Städte, in denen die Täter:innen des NSU aufwuchsen, Aufenthalt oder Unterstützung fanden.

Mit Inszenierungen, Ausstellungen, Konzerten und musikalischen Interventionen im öffentlichen Raum, Lesungen, Diskussionen, Workshops u.v.m. möchte Kein Schlussstrich! die Perspektiven der Familien der Opfer und (post-)migrantischen Communities in den Fokus der Öffentlichkeit bringen und die Auseinandersetzung mit dem institutionellen und strukturellen Rassismus in unserer Gesellschaft anregen. Auch an die Geschehnisse und Folgen der Anschläge in Halle, Hanau und Kassel, die den Rechtsterrorismus und Rassismus in erschütternder Weise bezeugen, möchte das Projekt erinnern.

Projektträger

Träger des Projekts ist der im September 2020 gegründete Verein Licht ins Dunkel e.V.. Die Projektpartner sind: ASA-FF e.V. in Chemnitz, Theater Chemnitz, Dietrich-Keuning-Haus Dortmund (in Trägerschaft der Kulturbetriebe der Stadt Dortmund), Landestheater Eisenach / Meininger Staatstheater, Kampnagel Hamburg, Theater Heilbronn, JenaKultur, Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena (in Trägerschaft der Amadeu Antonio Stiftung), Theaterhaus Jena, Staatstheater Kassel, Schauspiel Köln, Münchner Kammerspiele und Real München e.V., Staatstheater Nürnberg, Theater Plauen-Zwickau, Volkstheater Rostock, Theater Rudolstadt, Deutsches Nationaltheater Weimar.

Vorstand

Amelie Deuflhard war von 2000 bis 2007 Künstlerische Leiterin der Sophiensæle (Berlin). 2004/05 war sie Teil der Künstlerischen Leitung von Volkspalast, einer festivalartigen Bespielung des dekonstruierten Palastes der Republik. Seit 2007 ist sie Intendantin von Kampnagel (Hamburg), Europas größtem Produktionszentrum für die Freien Darstellenden Künste. Mit EcoFavela Lampedusa Nord initiierte sie 2014 einen Lebens- und Aktionsraum für Geflüchtete. Das Projekt hat auf Kampnagel seine Verlängerung in dem preisgekrönten Begegnungsort Migrantpolitan gefunden. Amelie Deuflhard war Teil des Viererkuratoriums von Theater der Welt 2017. Sie ist Autorin zahlreicher Publikationen und hat regelmäßig Lehraufträge an Hochschulen inne. Für ihr Schaffen wurde sie 2012 mit dem Caroline-Neuber Preis und 2013 mit den Insignien des Chevaliers des Arts et Lettres ausgezeichnet. 2018 erhielt sie die Auszeichnung Europäische Kulturmanagerin des Jahres.

Jonas Zipf, geboren 1982 in Darmstadt, arbeitet seit 2016 als sogenannter Werkleiter von JenaKultur, des städtischen Eigenbetriebs für Kultur, Kulturelle Bildung, Tourismus und Marketing in Jena. In seiner Funktion ist der studierte Psychologe, Musik- und Sprechtheaterregisseur der Kulturverantwortliche der Stadt Jena und initiiert Kulturprojekte und stadtgesellschaftliche Prozesse wie 72 Stunden Urban Action Lobeda. Vor diesem Engagement war er nach seinem Studium in Berlin, Paris und München als Dramaturg und Schauspieldirektor u.a. am Thalia Theater Hamburg, dem Theaterhaus Jena und dem Staatstheater Darmstadt tätig.

Kuratorium

Ayşe Güleç ist Pädagogin, Kuratorin, Kunstvermittlerin und forschende Aktivistin an den Schnittstellen von Anti-Rassismus, Kunst, Kunstvermittlung und Migration. Sie ist im artistic team der documenta fifteen. Im Jahr 2018/2019 hat die die Leitung der Kunstvermittlung im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt a.M. vertreten. 2016 bis 2017 war sie Mitarbeiterin der documenta 14 und hat als Head of Community Liaison Verbindungen zwischen Künstler:innen, Kunstwerken und soziopolitischen Kontexten hergestellt. Sie war engagiert als eine der Koordinator:innen zur bundesweiten Vernetzung von lokalen Initiativen sowie für das Tribunal NSU-Komplex auflösen, dass 2017 in Köln stattfand. 1998 bis 2016 war sie im soziokulturellen Zentrum Schlachthof in Kassel im Bereich Migration sowie für lokale, regionale und europäische Vernetzungsarbeit tätig. Für die documenta 12 (2007) entwickelte sie den documenta 12-Beirat und wurde in der Folge dessen Sprecherin. 2012 bildete sie als Mitglied der Maybe Education der dOCUMENTA (13) Kunstvermittler:innen aus.

Tunçay Kulaoğlu arbeitet als Filmemacher, Dramaturg, Kurator und Autor. Derzeitentwickelt er zusammen mit dem Regisseur Nuran David Çalış die Stückfassung für das dokumentarisch-performative Reenactment 438 Tage NSU-Prozess, das im Rahmen des Kunstfest Weimar uraufgeführt wird.

Simon Meienreis wurde 1986 in Bochum geboren und studierte Volkswirtschaftslehre, Philosophie und Soziologie in Essen, Hamburg und Jena. Derzeit ist er als Dramaturg am Schauspiel Essen beschäftigt. Vorherige Stationen waren das Theaterhaus Jena, das Hessische Landestheater Marburg und das Schauspielhaus Bochum. 

Beirat

Ferda Ataman, Jahrgang 1979, ist Publizistin, Vorsitzende der Neuen deutschen Medienmacher:innen und Sprecherin der Neuen deutschen Organisationen, einem postmigran-tischen Netzwerk von mehr als 120 Initiativen, die sich bundesweit für Vielfalt und gleichberechtigte Teilhabe einsetzen. Im März 2019 erschien ihre Streitschrift Hört auf zu fragen. Ich bin von hier! im S. Fischer Verlag. Für den Spiegel schrieb sie bis Februar 2020 die Kolumne Heimatkunde.

İdil Nuna Baydar, 1975 in Celle geboren, ist deutsche Comedienne, Schauspielerin und Social Influencer. Im Dezember 2011 veröffentlichte sie auf YouTube ihre ersten Videos im Genre Sozialkritik mit Hilfe ihrer Kunstfiguren Jilet Ayşe und Gerda Grischke. Nachdem sie die Millionenklickgrenze durchbrochen hatte, entwickelte sie 2014 ihr erstes abendfüllendes Comedy-Programm. Seitdem tritt sie in verschiedensten Kabarett- und Comedy-Sendungen im Fernsehen auf und spielt in ihrer Rolle als Jilet Ayşe in diversen Internetformaten. Sie wurde 2015 mit dem Sonderpreis für Integration und Toleranz der Initiative Hauptstadt Berlin e.V. und 2016 mit dem Goldenen Besen, dem Kabarettpreis des SWR, der Stadt Stuttgart und dem Renitenztheater Stuttgart ausgezeichnet. 2018 wirkte sie in der zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Hamburger Produktion von Elfriede Jelineks Am Königsweg in der Regie von Falk Richter mit.

Isidora Randjelović, Jahrgang 1975, ist Diplom-Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin. Sie ist Leiterin des feministischen Romnja:Archiv RomaniPhen. Sie schreibt über Verflechtungen im Schnittpunkt von race und gender so wie Bewegungen und Selbstorganisation und engagiert sich in der IniRromnja. Isidora Randjelović ist Lehrbeauftragte an der Alice-Salomon Hochschule Berlin und Mitglied im Vorstand des RomaniPhen e.V..

Katharina Warda, Jahrgang 1985, studierte Soziologie und Literaturwissenschaft. Sie lebt und arbeitet in Berlin als freie Autorin. Ihre Schwerpunktthemen sind Ostdeutschland, Rassismus, Klassismus und Punk. In Ihrer Dissertation befasst sie sich außerdem mit digitaler  Tagebüchern, marginalisierten Identitäten und der Widerständigkeit biografischen Erzählens. In Ihrem Projekt Dunkeldeutschland erzählt Katharina Warda von die Nachwendezeit ausgehend von den sozialen Rändern und beleuchtet blinde Flecken deutscher Geschichtsschreibung, ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen als Schwarze Ostdeutsche.

Vanessa Eileen Thompson ist Schwarze Soziologin und forscht und lehrt am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt zu rassismuskritischer Theorie, Black Studies (mit besonderem Fokus auf Schwarze intersektionale Bewegungen in Europa), feministischer und post-/dekolonialer Gesellschaftstheorie. Sie engagiert sich außerdem aktivistisch, ist Mitbegründerin der Initiative Christy Schwundeck und aktiv bei copwatch ffm.

Team

Local International, 2010 von Elena Krüskemper und Kristina Wydra in Bonn gegründet, arbeitet in den Bereichen Dramaturgie, PR, Projektmanagement und Übersetzung für Theater und andere Kultureinrichtungen sowie freie Künstler:innen und Ensembles.
Als Produktionsbüro von „Kein Schlussstrich!“ übernimmt die Agentur die Geschäftsführung für den Trägerverein und damit die Projektsteuerung und die Koordination der Programm-, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Tanja Ehrlein und Peer Stark verantworten das Vermittlungsprogramm von Kein Schlussstrich!. Ihre Erfahrung im Bereich Kultur und Management erweitern sie durch die Spezialisierung auf Partizipation und Audience Development. Ergänzt wird das interdisziplinäre Team durch Leyla Erkuş, die aus dem schulischen Bildungsbereich der Primar- und Sekundarstufen kommt und sich in Köln für den Erhalt und Ausbau subkultureller Orte engagiert.