O lege, Geliebter,
den Kopf in die Hände
und höre, ich sing‘ dir ein Lied.
Ich sing‘ dir von Weh und von Tod und vom Ende,
ich sing‘ dir vom Glücke, das schied.
Selma Meerbaum-Eisinger
„Ich habe keine Zeit gehabt zu Ende zu schreiben“, waren 1941 die letzten Worte der jungen Poetin Selma Meerbaum-Eisinger aus dem deutschen Arbeitslager von Michailowska. Da war sie gerade 18 Jahre alt. Ein Album mit ihren Gedichten konnte von Freunden gerettet werden und reiste später jahrelang durch Europa – bis ihre Worte schließlich wiederentdeckt wurden. Heute gilt Selma Meerbaum-Eisinger durch ihre Wortklarheit und Liebe zur Dichtung neben Paul Celan und Rose Ausländer als die wichtigste jüdische Autorin der Bukowina.
Wir haben uns auf Spurensuche begeben, um eine Selma 2.0 zu erschaffen. Gemeinsam mit jungen Leuten und Künstler:innen wollten wir herausfinden, was uns Selmas Lyrik heute und hier sagt. Was wäre, wenn Selma in Chemnitz auf die Suche nach ihren Gedichten ginge? Was würde sie vorfinden?
digital auf Instagram unter
SELMA#Wanted
(https://www.instagram.com/selma.wanted.chemnitz)
In Kooperation mit Künstler:innen der freien Szene Chemnitz und Chemnitzer Jugendlichen sowie der deutsch-tschechischen COLTURE COMPANY | Mit freundlicher Unterstützung durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, Deutscher Bühnenverein / Landesverband Sachsen und Lokaler Aktionsplan Chemnitz. | Gefördert durch das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“
Obwohl ihm das Leben einiges abverlangt, hält Ivan bis zur totalen Selbstverleugnung am Guten im Menschen fest. In seiner winzigen Pfarrei versucht er, Strafgefangene zu resozialisieren. Da sind zunächst der arabische Tankstellenräuber Khalid – nie um einen Spruch verlegen – und der fette Alkoholiker Gunnar, der sich für Frauen in besonderer Weise interessiert. Der Neonazi Adam wird der dritte Zögling. Ivan fordert ihn in einem ersten Gespräch auf, sich eine Aufgabe zu suchen. Adams Antwort: „Apfelkuchen. Mein Ziel ist ein riesiger Apfelkuchen.“ Wider Erwarten wird dies für ihn zur alles entscheidenden Herausforderung im Ringen mit Ivan. Denn neben kleineren und größeren Katastrophen, wie Gunnars Liebe zur Kleptomanie und Khalids schießfreudigem Verhalten gegenüber multinationalen Konzernen, erschweren Krähen und Maden, Katzen und Nazis das Reifen der Früchte des alten Apfelbaumes im Kirchgarten. Als schließlich ein Gewitter über die Gemeinde hereinbricht, droht nicht nur der Apfelbaum in Rauch aufzugehen, sondern auch Ivan – erschöpft von den ständigen Provokationen Adams – seinem Glauben zu entsagen. Langsam erkennt Adam die Bedeutung des Apfelkuchens.
Der Film „Adams Äpfel“ räumte nach seinem Erscheinen 2005 eine Reihe von Preisen ab – nicht die ersten Auszeichnungen für den produktiven dänischen Regisseur und Drehbuchautor Anders Thomas Jensen (*1972). Bereits 1999 gewann er mit Wallnacht einen Oscar in der Kategorie „Bester Kurzfilm“. „Adams Äpfel“ bewegt sich mit widersprüchlichen Figuren an den dunklen Rändern des Humors und geht der alten Frage nach dem Sinn des Guten in der Welt nach. Am Ende gibt Jensen eine wundervolle Antwort.
Es ist heiß in Heilbronn. Die Hundstage im Juli machen aus der Industriestadt im Neckartal einen dampfenden, brodelnden Kessel, in dem es nach Suppe riecht. Von Donnerstagabend bis Sonntagmorgen läuft Kemal Arslan durch die Stadt, in der er aufgewachsen ist. Und der er schon einmal den Rücken gekehrt hatte. Der Traum von der Profifußballkarriere beim türkischen Erstligisten Gaziantepspor allerdings ist geplatzt. Kemal hatte sich zu einem Autorennen provozieren lassen. Es kam zu einem bösen Unfall mit seinem geliebten Sportwagen – und zu einer schlimmen Fußverletzung.
Nun ist er zwischen Allee und Theresienwiese, Heilbronn-Ost und Hawaii auf der Suche nach (s)einem Platz im Leben und wohl auch nach sich selbst. Er trifft sich mit einem halbseidenen Jungunternehmer, bei dem ihm sein Vater einen Job verschaffen will, zockt mit alten Kumpels und versucht, seine frühere Freundin Sina wiederzuerobern. Währenddessen heizt sich der Konflikt zwischen der nationalistischen Bürgerwehr HWA („Heilbronn, wach auf“) und der Gang der Kankas („Blutsbrüder“) auf und mündet in eine Straßenschlacht auf der Allee. Kemal erkennt, dass er zwischen allen Stühlen sitzt und sich den ganzen Zuschreibungen der anderen Menschen entziehen will. Es muss sich etwas ändern. Er muss sich ändern.
Mit seinem ersten Roman „Hawaii“ hat der junge Autor Cihan Acar, 1986 geboren, einen Sensationserfolg gelandet und Heilbronn – und sein ehemaliges „Problem“-Viertel – auf der literarischen Landkarte platziert. „Hawaii“, eine spannende, zuspitzende Mischung aus gesellschaftspolitischer Nahaufnahme, Roadtrip und Entwicklungsroman, erhielt 2020 den Literaturpreis der Doppelfeld Stiftung und stand auf der Shortlist für den „Aspekte“-Literaturpreis. Das Theater Heilbronn hat sich die Rechte für die Uraufführung gesichert und mit Nurkan Erpulat einen mehrfach preisgekrönten Regisseur verpflichtet, der „Hawaii“ als pralle Schauspielfassung auf die Bühne des Großen Hauses bringen wird.
Wie verbindet sich das Leben einer jüdischen Malerin aus dem Hamburg von 1933 mit einer britischen Antifaschistin? In welcher Beziehung steht eine Menschenrechtsaktivistin mit einer Teenagerin, die sich verbrennt? Scheinbar nicht viel, doch treffen sich ihre Lebenslinien immer am Knotenpunkt von prekären Körpern und unaufhaltsamen Widerstand.
Geister der Vergangenheit treten in der performativen Installation „Anita, Agnes, Anna, Binefş, Berfîn, Berîtan“ in einem zeitdurchschreitenden Dialog auf Performer:innen der Gegenwart. Eine polyphone Séance, die die Kraft und Fragilität menschlicher Handlungsspielräume beschwört.
Es war der schlimmste Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik. Und trotzdem hat er kaum Eingang in die kollektive Erinnerung dieses Landes gefunden (anders als beispielsweise 9/11 in den USA). Warum das so ist, davon erzählt dieser Abend. Vor allem aber erzählt er die Geschichten der Überlebenden und Betroffenen des Anschlags. Das Projekt konzentriert sich auf die persönlichen Folgen, die solche Anschläge haben – und wie wir als Gesellschaft mit den von rechter Gewalt Betroffenen umgehen.
„Furor“ steht für Gedankenwut, Raserei und führt in den sozialen Medien immer öfter zu einem Spiel mit dem Feuer. Kurz vor Beginn seines Wahlkampfes läuft dem Bürgermeisterkandidaten Heiko Braubach ein junger Mann unter Drogeneinfluss vors Auto. Sein Leben lang wird er wohl im Rollstuhl sitzen. Braubach, den – laut polizeilicher Untersuchung – keine Schuld trifft, bietet der Mutter Nele Siebold dennoch Hilfe an. Er verspricht ihr, sich persönlich um die Reha-Maßnahme und einen Ausbildungsplatz für den Jungen zu kümmern. Siebold, die jeden Cent gebrauchen kann, zeigt sich erst skeptisch, nimmt aber schließlich die Vorschläge Braubachs dankbar an. Eine Einigung scheint in Sicht, doch plötzlich taucht Siebolds Neffe Jerome auf. Der glaubt Braubach kein Wort und stellt seine hehren Motive komplett in Frage. Er mache das doch alles nur seines Images wegen! Überhaupt hält Jerome nicht viel von Politikern und spricht in Parolen von „Systempresse“ und „denen da oben“. Und Braubach? Er erwidert mit einstudierten liberalen Statements. Es entwickelt sich ein wendungsreicher Schlagabtausch zwischen dem hasserfüllten Außenseiter Jerome und dem abgebrühten Politiker…
Das erfolgreiche Autorengespann Lutz Hübner und Sarah Nemitz bringt seit Jahren brisante gesellschaftliche Themen auf die Bühne. So auch im Kammerspiel „Furor“. In rasanten Dialogen zeigt es die Spirale einer argumentativen Auseinandersetzung auf, bei der der eigene Standpunkt um jeden Preis verteidigt wird. Verständnis oder Versöhnung? – Fehlanzeige! Ein packendes Schauspiel über Politikverdrossenheit, Radikalisierung und Meinungsmache im Internet, das viele Fragen aufwirft.
In Kooperation mit dem „Zukunftsladen“ in Saalfeld / Koordinierungsstelle Partnerschaft für Demokratie
Wir befinden uns in der Weimarer Republik, wir befinden uns im Jahr 2021. Der Ort ist ein Wald, ein Bunker, eine Stadt. Die Menschen dort heimgesucht von ihrer Vergangenheit oder geschichtsvergessen. Geschichte wiederholt sich und holt ein. Mit seinem Stück „Sladek“ widmete sich Ödön von Horváth einem finsteren Kapitel der Weimarer Republik, der Schwarzen Armee. Diese paramilitärischen Ableger der Reichswehr waren frühe Indikatoren für die Greuel, die im Dritten Reich folgen würden. Am Beispiel des Soldaten Sladek erzählt Horvath vom Verlust der Menschlichkeit und der furchterregenden Macht der Gruppe.
In Lizzy Timmers Inszenierung des Stoffs überlagert sich die historische Erzählung mit Vignetten der Gegenwart, Sladek wandert geisterhaft-grotesk durch die Zeiten, eingebunden in ein großes musiktheatrales Räderwerk der Geschichte und der Bilder.
Geschichten von Chemnitzer Frauen aus Vietnam
Vor über 40 Jahren kamen die ersten vietnamesischen Frauen als Studentinnen, im Rahmen einer Ausbildung oder als Vertragsarbeiterinnen in die DDR. Mit der Wende waren sie die ersten Arbeitslosen der neuen Zeit. Ihre Verträge liefen aus, bleiben sollten sie nicht. Aus dem Mangel an Fachkräften und der beschönigenden Narration des „Arbeitens im Bruderland“ wurde rasch ein Kampf um Arbeitsplätze, Lebensgrundlage und (Bleibe-)Rechte. Manche entschieden sich dennoch zu bleiben. Ihre Kinder sind hier geboren oder aufgewachsen und blicken aus einer ganz eigenen Perspektive auf die Biografien ihrer Mütter und die eigenen Lebenswege. Auf der Bühne des Figurentheaters kommen sie zusammen und erzählen gemeinsam mit Puppen und drei Puppenspielerinnen von der Geschichte mobiler Frauen, die der Arbeit wegen den Kontinent gewechselt und hier ein neues Leben begonnen haben.
Mit So glücklich, dass du Angst bekommst setzt sich das Figurentheater Chemnitz in Koproduktion mit dem Modellprogramm nun – neue unentd_ckte narrative 2025 des ASA-FF e.V. mit der Geschichte der Vertragsarbeiter:innen in der Region auseinander. Es werden Interviews geführt, Dokumente gesichtet und Lebenswege nachgezeichnet. Im Spannungsfeld Arbeit – Frauen – Migration rückt die Produktion drei weibliche Biografien in den Fokus und nähert sich den verschiedenen Perspektiven und Erfahrungen an. Aus diesem Material entsteht in der Regie von Miriam Tscholl eine Theaterproduktion, die Anfang November Premiere haben und im Laufe der Spielzeit durch ein umfangreiches Diskurs- und Vermittlungsprogramm begleitet wird.
mit Einführung und Nachgespräch am 7.11.
Am 25. April 2007 wurde auf der Theresienwiese in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen, ihr Kollege Martin Arnold durch einen Kopfschuss lebensgefährlich verletzt. Was die Täter und den Tathergang angeht, gibt es bis heute große Unklarheiten. Kam es schon in der von der Heilbronner Polizeidirektion gegründeten Sonderkommission „Parkplatz“ zu gravierenden Ermittlungspannen, wurde die Tat nach der Enttarnung des NSU am 4. November 2011 durch Indizienfunde vollständig den beiden Mitgliedern der rechten Terrorzelle Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zugeschrieben.
Andere relevante Ermittlungsergebnisse der SOKO „Parkplatz“ vor dem November 2011, etwa zu weiteren Tatbeteiligten, wurden zugunsten der Präsentation eines öffentlichkeitswirksamen Erfolges offenbar absichtsvoll in den Hintergrund gedrängt. Trotz mehrerer Untersuchungsausschüsse, die sich sowohl im Stuttgarter Landtag wie im Bundestag mit dem Verbrechen und dem Versagen der staatlichen Ermittlungsorgane befasst haben, bleibt die Tat, die vielen Sachverständigen als Schlüssel zur Aufklärung des NSU-Komplexes gilt, weiterhin ein Rätsel. Immer wieder in den Blick geraten ist in der juristischen und medialen Auseinandersetzung mit dem Kiesewetter-Mord die Frage nach dem Tatort selbst. Warum gerade Heilbronn? Welchen Bezug gibt es zwischen der politisch unscheinbaren baden-württembergischen Industrie- und Weinstadt am Neckar und den rechtsradikalen NSU-Terroristen aus Thüringen? Wie hat die Stadt auf den Mord reagiert? Und welche Spuren hat er dort hinterlassen?
Das dokumentarische Recherche-Projekt „Verschlusssache“ von Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger widmet sich ganz dem lokalen Ereignis des Kiesewetter-Mordes und dessen Folgen. Es geht der Frage nach, was mit dem Mord und den Reaktionen darauf in der Stadt sichtbar geworden ist – und welche Rückschlüsse sich daraus auf den Zustand unserer zivilen Gesellschaft ziehen lassen. Ausgehend von dem konkreten Ereignis werden Linien gezogen: Zu seinen Ursachen in der Vergangenheit und seinen möglichen Konsequenzen für unsere Zukunft. Dura und Kroesinger entwerfen so ein Stück spezifisch für die Stadt Heilbronn, um die Verhältnisse unter der theatralen Lupe schärfer erkennbar werden zu lassen.
2021 jährt sich der Nagelbomben-Anschlag, der die Keupstraße 2004 erschütterte zum 17. Mal. Die Bomben verletzten 22 Menschen stark, mehrere lebensgefährlich. Im Anschluss wurde jahrelang ausschließlich im Anwohner:innenkreis ermittelt. Opfer und Angehörige des Anschlages wurden als potentielle Täter:innen stigmatisiert. Hinweise darauf, dass der Anschlag rassistisch motiviert sei, wurden von Seiten der polizeilichen Ermittler:innen zum Teil aktiv verschleiert. Der Regisseur Nuran David Calis erarbeitete 2014 gemeinsam mit drei Anwohner:innen und drei Ensemble-Schauspieler:innen das Stück DIE LÜCKE, um die Menschen, deren Leben der Anschlag zutiefst erschüttert und verändert hatte, zu Wort kommen zu lassen. Bei der Premiere der LÜCKE hatte der Gerichtsprozess gegen die Mitglieder des sog. Nationalsozialistischen Untergrundes in München gerade erst begonnen. Er sollte insgesamt fünf Jahre dauern und mit einem für die Angehörigen der Opfer niederschmetternden Urteil enden, denn viele Mitangeklagte kamen mit sehr geringen Strafen davon und waren teilweise gleich nach Prozessende wieder auf freiem Fuß. Auch bei dem im vergangenen Frühjahr veröffentlichten Schuldspruch beklagten die Anwäl:tinnen der Mordopfer, dass das Gericht verpasst hätte ihnen ein Gesicht zu geben.
In DIE LÜCKE 2.0, eine Bearbeitung der ursprünglichen Inszenierung, werden nach sieben Jahren die drei Betroffenen aus der Keupstraße erneut befragt. Wie nehmen sie das NSU-Gerichtsurteil und den Schuldspruch wahr? Wie ist der aktuelle Stand bezüglich des Mahnmals, dem sich immer noch in Planung befindenden Erinnerungs- und Lernortes in Keupstraßen-Nähe? Und wie lässt es sich in Deutschland nach den Anschlägen in Halle, Hanau, Chemnitz und Kassel leben?