{"id":372,"date":"2021-05-10T11:58:30","date_gmt":"2021-05-10T11:58:30","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost:8000\/?page_id=372"},"modified":"2021-09-06T12:22:37","modified_gmt":"2021-09-06T12:22:37","slug":"hintergrund","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kein-schlussstrich.de\/fr\/hintergrund\/","title":{"rendered":"Hintergrund"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-hero--w-image\">\n    <div class=\"wp-block-hero--w-image__wrapper\">\n        <div class=\"wp-block-hero--w-image__tab bg-yellow\">\n            <div class=\"wp-block-hero--w-image__tab-text-wrapper\">\n                <div class=\"text-center md:text-left\">\n                    <span class=\"wp-block-hero--w-image__tab-text\">\n                        Hintergrund                    <\/span>\n                <\/div>\n            <\/div>\n        <\/div>\n\n        <div class=\"wp-block-hero--w-image__image-wrapper\">\n            <img srcset=\"https:\/\/kein-schlussstrich.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_20180711_150004597-300x225.jpg 300w, https:\/\/kein-schlussstrich.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_20180711_150004597-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/kein-schlussstrich.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_20180711_150004597-768x576.jpg 768w, https:\/\/kein-schlussstrich.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_20180711_150004597-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/kein-schlussstrich.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_20180711_150004597-24x18.jpg 24w, https:\/\/kein-schlussstrich.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_20180711_150004597-36x27.jpg 36w, https:\/\/kein-schlussstrich.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_20180711_150004597-48x36.jpg 48w, https:\/\/kein-schlussstrich.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_20180711_150004597.jpg 2000w\" class=\"wp-block-hero--w-image__image\" alt=\"\" \/>\n        <\/div>\n\n        <div class=\"wp-block-hero--w-image__content-wrapper\">\n            \n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Statements zum NSU-Komplex<\/h2>\n\n\n        <\/div>\n    <\/div>\n<\/div>\n\n\n<div id=\"wp-blocks-background-container\">\n    \n\n<div class=\"container px-2 md:px-0 py-7 md:py-8 bg-black text-white grid-6 md:grid-16 relative shadow--bottom\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4 relative\">\n        \n\n<p class=\"is-style-text--medium wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Muhammet Ayazg\u00fcn<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Abschreckend wirkt nicht nur die Strafverfolgung, sondern auch die Aufkl\u00e4rung<\/p>\n\n\n    <\/div>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"container grid-6 md:grid-16 px-2 md:px-0 bg-white md:border-l-2 md:border-r-2 border-black\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4\">\n        <div class=\"z-50 sticky\" style=\"top: 50px\">\n            <button type=\"button\" class=\"wp-block-button bg-white text-black readmore-button\" style=\"transform:translateY(-50%)\">\n                Mehr lesen\n            <\/button>\n        <\/div>\n        <div class=\"py-5 md:pt-6 md:pb-8\" style=\"display: none\">\n            \n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Pl\u00e4doyer aus dem NSU-Prozess vom 28. November 2017<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--running wp-block-paragraph\">Hohes Gericht,<br>liebe anwesende Angeh\u00f6rige der Opfer der Neonazis.<br>&nbsp;<br>Ich hei\u00dfe Muhammet Ayazg\u00fcn. Seit \u00fcber 20 Jahren ist die Keupstra\u00dfe einer meiner Lebensmittelpunkte. Ich habe dort gearbeitet und heute betreibe ich dort ein Caf\u00e9. Am 9. Juni 2004 hielt ich mich bei dem Nagelbombenanschlag der Neonazis gegen\u00fcber dem Friseurladen meines Bekannten auf. Ich hatte Gl\u00fcck \u2013 ein Nagel schoss knapp an meinem Kopf vorbei in ein Regenrohr; durch die Wirkung der Bombe bin ich zu Boden gefallen und mein Trommelfell ist geplatzt.<br><br>Mit dem Anschlag war der Angriff aber nicht zu Ende. Auch in der Hauptverhandlung dieses Verfahrens haben Nebenkl\u00e4ger und deren Anw\u00e4lte immer wieder auf die Leiden und \u00dcbergriffe auf sie \u2013 die Opfer, die hinterbliebenen Familienmitglieder \u2013 hingewiesen.<br><br>Wie konnte es dazu kommen, dass Neonazis \u00fcber so viele Jahre so viele Menschen, die sie als \u201eAusl\u00e4nder\u201c bezeichnen, umbringen konnten bzw. Opfer von Mordversuchen wurden, wie konnte es dazu kommen, dass \u00fcber Jahre unz\u00e4hlige Verfassungssch\u00fctzer im Umkreis der Neonazis wirkten, wie konnte es dazu kommen, dass die Opfer von der deutschen Polizei als T\u00e4ter, als Kriminelle behandelt, diskriminiert und in ihrer Ehre verletzt wurden? Die Anw\u00e4lte der Nebenklage, der Opfer des NSU, haben hierzu viele Antr\u00e4ge gestellt \u2013 die meisten wurden abgelehnt. Einige Anw\u00e4lte von Opfern der Keupstra\u00dfe \u2013 auch mein Anwalt \u2013 hatten Beweisantr\u00e4ge zum erkennbaren Charakter des Nagelbombenanschlages auf die Keupstra\u00dfe gestellt. Auch dieser Antrag wurde abgelehnt. Warum wird staatliche Verantwortung nicht \u00fcbernommen, warum gibt es hier immer noch ein Tabu? Dieses Gericht muss die rassistischen Morde als solche bewerten, dabei muss es auch das Verhalten der Polizei und des Verfassungsschutzes seinem Urteil zugrunde legen.<br><br>Dazu geh\u00f6ren die Missbilligungen, die \u00dcbergriffe, die wir und die Opfer der Neonazis durch die staatlichen Verfolgungsbeh\u00f6rden und in deren Folge durch die Medien erleiden mussten. Ich will mich hier auf die Menschen der Keupstra\u00dfe beschr\u00e4nken: In der Beweisaufnahme haben wir alle h\u00f6ren k\u00f6nnen, was die Gesch\u00e4digten des Anschlages auf die Menschen in der Keupstra\u00dfe erlebt haben, wie sie von der Polizei als Schuldige behandelt und unter Druck gesetzt wurden. Mir pers\u00f6nlich haben mehrere Bekannte in den Tagen nach dem Anschlag der Neonazis berichtet, wie sie von der Polizei behandelt wurden, dass sie als Verd\u00e4chtige und nicht als Opfer angesehen wurden, dass man Druck auf sie ausge\u00fcbt hat, dass man ihnen nicht glaubte. Ich erinnere mich auch, dass ich am Tage nach dem Anschlag h\u00f6rte, der Innenminister habe gesagt, der Anschlag habe keinen terroristischen Hintergrund. Wenn der Innenminister einen terroristischen Anschlag auf uns \u2013 die wir als Ausl\u00e4nder gelten \u2013, auf die Keupstra\u00dfe als Zentrum von t\u00fcrkischen und kurdischen Gesch\u00e4ften, als nicht gegeben ausgibt, sondern auf uns \u2013 wie er nannte, ein \u201ekriminelles Milieu\u201c \u2013 verweist, war klar, was wir zu erwarten hatten. Sp\u00e4ter habe ich mir diese schnelle Schuldzuweisung so erkl\u00e4rt, dass er Deutschland sch\u00fctzen wollte. Rechtsradikale oder eine private Sache, das ist ein gro\u00dfer Unterschied. Wenn ich damals auf die Stra\u00dfe gegangen w\u00e4re und gesagt h\u00e4tte: \u201eDer ist ein L\u00fcgner\u201c, h\u00e4tten die Leute \u00fcber mich gesagt: \u201eAch, der ist bekloppt. Der hat doch keine Ahnung. Der phantasiert.\u201c Ein Mann, der so eine Position wie Schily hat, h\u00e4tte so etwas nicht behaupten d\u00fcrfen.<br><br>Der Druck auf uns in der Keupstra\u00dfe durch die Polizei \u2013 die, wie wir heute wissen, auch zahlreiche V-Leute zu uns schickte, um uns konspirativ auszuforschen \u2013 hielt jahrelang an. Ich bin von der Polizei nie als Gesch\u00e4digter befragt worden \u2013 warum, ist mir bis heute nicht klar. Ich habe mich aber auch selber nie an die Polizei gewandt \u2013 ich hatte einfach Angst vor der Polizei, ich hatte Angst, von dieser als T\u00e4ter behandelt zu werden. Die Atmosph\u00e4re unter uns Menschen aus der Keupstra\u00dfe war so, dass ich trotz meiner Verletzung \u2013 dem geplatzten Trommelfell \u2013 nicht wagte, zu einem Arzt zu gehen, da ich dachte, dieser w\u00fcrde mich dann der Polizei melden. Erst nach dem 4. November 2011 war mir klar, dass die Polizei uns \u2013 mich \u2013 jetzt nicht mehr f\u00fcr einen Terroristen h\u00e4lt, und ich ging zu einem HNO-Arzt. Daf\u00fcr war es \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 zu sp\u00e4t. Ich schildere dies, um deutlich zu machen, wie wir Opfer die Zeit nach dem gegen uns gerichteten Terroranschlag erlebt haben.<br><br>Mir wurde berichtet, was die Bundesanwaltschaft pl\u00e4diert hat. Da wurde oft von Anschl\u00e4gen auf \u201eden Staat\u201c berichtet, dass der NSU den deutschen Staat bek\u00e4mpft h\u00e4tte, dann wurde wiederholt erkl\u00e4rt, staatliche Stellen h\u00e4tten mit dem NSU nichts zutun gehabt. Davon, was wir Opfer \u2013 wir Migranten, mit welchem Pass auch immer \u2013 auch die Eingeb\u00fcrgerten unter uns werden ja offenbar auch von der Bundesanwaltschaft weiter als Ausl\u00e4nder bezeichnet \u2013 nach den Anschl\u00e4gen der Neonazis durch die staatlichen Organe, durch die Polizei, erleiden mussten, davon wird immer noch nicht gesprochen. Da beschr\u00e4nkt sich die Bundesanwaltschaft auf eine Beschimpfung unserer Nebenklagevertreter:innen.<br><br>Rassismus stellt eine Krankheit dar. Ich bin Kurde aus der T\u00fcrkei. Ich wei\u00df, wie es ist, wenn ein Mensch nur nach seiner Volkszugeh\u00f6rigkeit behandelt wird. Denn ich wei\u00df, wie es ist, wenn Kurden im Irak, in Syrien ermordet werden. Alle Menschen m\u00fcssen gleichbehandelt werden, als Individuum mit gleichen Rechten und demselben Recht auf Achtung und Menschenw\u00fcrde.<br><br>Wie hoch Zsch\u00e4pe und ihre Mitk\u00e4mpfer hier verurteilt werden, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, die Hintergr\u00fcnde aufzukl\u00e4ren \u2013 abschreckend wirkt nicht nur die Strafverfolgung, sondern auch die Aufkl\u00e4rung, das hei\u00dft die Verhinderung weiterer Taten der Neonazis. Ich glaube, die \u00c4rzte dieser Krankheit sind wir hier. Die \u00c4rzte m\u00fcssen diese Krankheit behandeln, damit sie sich nicht weiter ausbreitet.<br><br>Ich f\u00fchle mich in Deutschland nicht fremd. Ich f\u00fchle mich wie ein Deutscher aus der T\u00fcrkei. Ich bedanke mich bei dem Hohen Gericht.<br><br>Gerechtigkeit, Gerechtigkeit, Gerechtigkeit!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">aus: Antonia von der Behrens (Hrsg.),<em>&nbsp;Kein Schlussswort. Nazi-Terror. Sicherheitsbeh\u00f6rden. Unterst\u00fctzernetzwerk,&nbsp;<\/em>VSA: Verlag, Hamburg 2018<\/p>\n\n\n        <\/div>\n    <\/div>\n<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n<div id=\"wp-blocks-background-container\">\n    \n\n<div class=\"container px-2 md:px-0 py-7 md:py-8 bg-black text-white grid-6 md:grid-16 relative shadow--bottom\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4 relative\">\n        \n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Yvonne Boulgarides<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Ehefrau von Theodoros Boulgarides<\/p>\n\n\n    <\/div>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"container grid-6 md:grid-16 px-2 md:px-0 bg-white md:border-l-2 md:border-r-2 border-black\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4\">\n        <div class=\"z-50 sticky\" style=\"top: 50px\">\n            <button type=\"button\" class=\"wp-block-button bg-white text-black readmore-button\" style=\"transform:translateY(-50%)\">\n                Mehr lesen\n            <\/button>\n        <\/div>\n        <div class=\"py-5 md:pt-6 md:pb-8\" style=\"display: none\">\n            \n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Pl\u00e4doyer aus dem NSU-Prozess vom 8. Februar 2018<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--running wp-block-paragraph\">Ich bin Yvonne Boulgarides. Theo Boulgarides, mein Ehemann und Vater meiner T\u00f6chter, Mandy und Michalina, wurde am 15.6.2005 auf brutale Art und Weise hingerichtet.<br><br>Vor einigen Jahren hielt ich in M\u00fcnchen eine Rede, die ich mit einem Zitat von Albert Einstein beendete: \u201eMan soll nie aufh\u00f6ren zu fragen.\u201c All die Opfer haben nicht aufgeh\u00f6rt zu fragen, jedoch ist uns die angeblich \u201el\u00fcckenlose Aufkl\u00e4rung\u201c so viele Antworten schuldig geblieben.<br><br>Bis heute m\u00f6chte ich wissen, warum das Ansehen meiner Familie in der \u00d6ffentlichkeit derart demontiert wurde. Hat man uns in die T\u00e4terrolle gedr\u00e4ngt, um unsere unangenehmen Fragen zum Verstummen zu bringen? Oder befanden sich die Beh\u00f6rden tats\u00e4chlich auf einem, f\u00fcr mich nicht nachvollziehbaren, Irrweg? Wie kam es, dass so viele an den Ermittlungen beteiligte Zeugen bei ihren Vernehmungen von einem epidemieartigen Ged\u00e4chtnisverlust befallen wurden? Wieso erhielten V-M\u00e4nner und Mitarbeiter der Sicherheitsbeh\u00f6rden nicht proaktiv eine umfassende Aussagegenehmigung? Wieso wurden und werden diese Leute, die ganz offensichtlich bei der Aus\u00fcbung ihrer Pflicht kl\u00e4glich versagt haben, gesch\u00fctzt? Warum wurde dieser Schutz nicht den Opfern und ihren Familien zuteil? Wie viele Opfer w\u00e4ren uns erspart geblieben, wenn die beauftragten Staatsorgane ihre Arbeit ehrenhaft und pflichtbewusst erledigt h\u00e4tten? Warum wurden trotz laufender Ermittlungen immer wieder Tausende von Aktenseiten geschreddert? Warum wurden zahlreiche V-Personen und mutma\u00dfliche NSU-Unterst\u00fctzer bis heute nicht angemessen vernommen? Wo sind all die, die durch ihr fahrl\u00e4ssiges oder vors\u00e4tzliches Handeln diese Verbrechen erm\u00f6glicht haben? Warum haben sie keine Konsequenzen zu bef\u00fcrchten? Warum werden sie sogar, wie Lothar Lingen, der vors\u00e4tzlich Akten vernichtet hat, aktiv vor Strafverfolgung gesch\u00fctzt?<br><br>Es w\u00e4re die Aufgabe der entsprechenden Staatsorgane gewesen, der Wahrheitsfindung zu dienen. Leider muss ich an dieser Stelle von einem kompletten Organversagen sprechen. All die zum Teil absurden Auf- und Erkl\u00e4rungsversuche haben uns mit noch mehr Fragen, Misstrauen und Ungewissheit zur\u00fcckgelassen.<br><br>Ich werde oft gefragt, wie ich diesem Prozess gegen\u00fcberstehe. Er \u00e4hnelt f\u00fcr mich einem oberfl\u00e4chlichen Hausputz. Um der Gr\u00fcndlichkeit Gen\u00fcge zu tun, h\u00e4tte man die Teppiche aufheben m\u00fcssen, unter welche bereits so vieles gekehrt wurde. Dieses Gericht hat sicherlich versucht, im Rahmen der gesetzlichen M\u00f6glichkeiten, zur Aufkl\u00e4rung beizutragen. Das auch nach Prozessende unter diesen Teppichen noch Schmutz liegen wird, ist den Traditionslinien einer paranoiden, menschenverachtenden Ideologie geschuldet. Einer Ideologie, die in diesem Land lediglich Tod und Leid hervorgebracht hat. Die Chance auf einen Bruch mit diesen Traditionslinien haben die Verantwortlichen durch die Verhinderung einer umfassenden Aufkl\u00e4rung verpasst.<br><br>Es ist mir an dieser Stelle ein Anliegen, auf einen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Menschen zu sprechen zu kommen. Er ist uns in den letzten Jahren nicht nur ein guter Freund, sondern auch Teil unserer Familie geworden. Auf eine f\u00fcr uns bemerkenswert selbstlose Weise hat er nicht aufgeh\u00f6rt Recherchen voranzutreiben und uns als seiner Familie und Mandanten viele Fragen zu beantworten und uns mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Ich wei\u00df, dass seine unerm\u00fcdliche investigative Arbeit ma\u00dfgeblich zur Aufkl\u00e4rung vieler Ungereimtheiten beigetragen hat.<br><br>Als ich im Fr\u00fchjahr 2011 unseren Anwalt, Herrn Narin, das erste Mal traf, berichtete er mir schon damals von einem offensichtlichen Zusammenhang der damals so genannten \u201eD\u00f6ner-Morde\u201c und dem K\u00f6lner Nagelbomben-Attentat. Mir erschloss sich damals noch nicht, warum diverse Sonderkommissionen, mit all ihren M\u00f6glichkeiten, nicht in der Lage waren, ebenfalls diese Verbindungen herzustellen.<br><br>Auch all seine weiteren Ermittlungsergebnisse bez\u00fcglich der Taten waren derart schl\u00fcssig f\u00fcr mich, dass ich ihm das Mandat erteilte. Es wundert mich heute nicht mehr, dass ich unmittelbar nach der Verpflichtung von Herrn Narin Besuch von einem Ermittler der \u201eSoko Theo\u201c bekam. Dieser beschrieb mir Herrn Narin als \u00e4u\u00dferst dubiosen Menschen und riet mir, die Mandatserteilung zu revidieren. Sein Besuch hat genau das Gegenteil bei mir bewirkt.<br><br>Die zahlreichen Rechercheergebnisse unseres Anwalts haben sich im Laufe der Zeit alle bewahrheitet und nicht nur bei uns zur Aufkl\u00e4rung beigetragen.<br><br>W\u00e4hrend der Jahre wurden gegen Yavuz Narin einige Ermittlungsverfahren eingeleitet, unter anderem wegen Geheimnisverrats. Dazu m\u00f6chte ich Folgendes sagen: Geheimnisse, die dazu dienen, Verbrechen und desastr\u00f6ses Fehlverhalten zu vertuschen, sind nicht sch\u00fctzenswert!<br><br>An dieser Stelle m\u00f6chten wir Angelika Lex gedenken, die nach schwerer Krankheit verstorben ist und leider nur einen Teil der Strecke mit uns zur\u00fccklegen konnte. Auch dir, Angelika, und deiner Familie gilt unser Dank f\u00fcr das Engagement.<br><br>Abschlie\u00dfend m\u00f6chte ich noch auf einen der Angeklagten zu sprechen kommen. Uns ist bewusst, dass die folgenden Ausf\u00fchrungen bei einigen auf Unverst\u00e4ndnis sto\u00dfen werden. Dennoch haben wir uns dazu entschieden, diesen Weg zu gehen. \u00dcber die vermittelnden Rechtsanw\u00e4lte kam ein pers\u00f6nliches Gespr\u00e4ch mit Herrn Carsten Schultze zustande. Dieses Zusammenkommen war einer der schwierigsten, aber auch einer der emotionalsten Momente in unserem Leben. Herrn Schultze haben wir in diesem Gespr\u00e4ch als einen Menschen erlebt, der sein Mitwirken zutiefst bereute und dem das eigene Gewissen bereits den gr\u00f6\u00dften Teil seiner Strafe auferlegt hat. Jemanden, der \u00fcber ein Unrechtsbewusstsein verf\u00fcgt und der zur Reue f\u00e4hig ist. Eigenschaften, die wir bei den anderen Angeklagten in all der Zeit bei besten Willen nicht ausmachen konnten.<br><br>Wir w\u00fcnschen uns, dass ihm sein Strafma\u00df die M\u00f6glichkeit gibt, sein Leben in positivere Bahnen zu lenken.<br><br>Ich wei\u00df, dass mein Mann gern gesehen h\u00e4tte, wie seine kleinen T\u00f6chter zu Frauen herangewachsen sind. Wie gern er seine M\u00e4dchen zum Traualtar gef\u00fchrt h\u00e4tte oder wie stolz er gewesen w\u00e4re, als seine Enkeltochter geboren wurde. Ich wei\u00df auch, wie viele der hier beteiligten Nebenkl\u00e4ger geliebte Menschen verloren haben oder anderes Leid erfahren mussten. Aber ich wei\u00df auch, dass wir die Zeit nicht zur\u00fcckdrehen k\u00f6nnen. Eines aber k\u00f6nnen wir tun: Nicht aufh\u00f6ren zu fragen.<br><br>Wir alle sollten auch nach diesem Prozess nicht aufh\u00f6ren, nach Antworten zu suchen. Vielleicht werden wir nie alles erfahren, aber wir werden die unz\u00e4hligen Puzzleteile sammeln und zusammenf\u00fcgen, bis das Bild der Wahrheit vor unseren Augen zu erkennen ist. Dann m\u00fcssen auch alle anderen hinsehen.<\/p>\n\n\n        <\/div>\n    <\/div>\n<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n<div id=\"wp-blocks-background-container\">\n    \n\n<div class=\"container px-2 md:px-0 py-7 md:py-8 bg-black text-white grid-6 md:grid-16 relative shadow--bottom\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4 relative\">\n        \n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ehefrau von Habil K\u0131l\u0131\u00e7<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Frau K\u0131l\u0131\u00e7<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Was gebt Ihr uns, um eine Zukunft aufbauen zu k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n    <\/div>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"container grid-6 md:grid-16 px-2 md:px-0 bg-white md:border-l-2 md:border-r-2 border-black\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4\">\n        <div class=\"z-50 sticky\" style=\"top: 50px\">\n            <button type=\"button\" class=\"wp-block-button bg-white text-black readmore-button\" style=\"transform:translateY(-50%)\">\n                Mehr lesen\n            <\/button>\n        <\/div>\n        <div class=\"py-5 md:pt-6 md:pb-8\" style=\"display: none\">\n            \n\n<p class=\"is-style-text--running wp-block-paragraph\">Eigentlich will ich nicht mehr dar\u00fcber erz\u00e4hlen, was damals passiert ist. Es tut zu weh. Jahrelang habe ich versucht, mit dem Geschehenen und meinen Gef\u00fchlen abzuschlie\u00dfen. Ich will nicht, dass alles wieder hochkommt. Deshalb m\u00f6chte ich auch nicht, dass hier mein voller Name genannt wird. Ich will nicht st\u00e4ndig auf das Schreckliche angesprochen werden, das passiert ist. Ich m\u00f6chte endlich auch eine Zukunft sehen, und wenn ich jeden Tag aufs Neue an die Vergangenheit denken muss, kann ich keine Zukunft mehr erkennen. Es war einfach brutal, was mit meinem Mann und meiner Familie passiert ist, ja es war unmenschlich. Ich habe alles verloren: meinen Mann Habil, den Vater meiner Tochter, meine finanzielle Lebensgrundlage, meine Gesundheit. Das Allerschlimmste aber vielleicht: Ich habe auch das sichere Gesp\u00fcr f\u00fcr das verloren, was ich tun soll. Ich wei\u00df nicht mehr, wo ich hingeh\u00f6re.<br><br>Ich bin in Ankara geboren. Mit zehn Jahren bin ich meiner Mutter nach Deutschland gefolgt, die hier studiert und als Chemikerin bei Siemens gearbeitet hat. Damals f\u00fchlte ich mich, als w\u00e4re ich in einer anderen Welt gelandet. Aber mittlerweile habe ich vierzig Jahre meines Lebens in M\u00fcnchen verbracht. Ich bin hier zur Schule gegangen, habe hier meine Ausbildung als Einzelhandelskauffrau gemacht. Jahrelang habe ich in einem bekannten Trachtenmodegesch\u00e4ft gearbeitet. Ich habe es dort bis zur Filialleiterin gebracht. Das war schon etwas Besonderes; wahrscheinlich war ich die einzige T\u00fcrkin in Bayern, die Dirndl und Sepplhosen verkauft hat.<br><br>Ich mag die bayerischen Leute. Sie sind vielleicht ein bissl hart, aber auch fr\u00f6hlich und herzlich. Wenn man mich heute fragt, was ich bin, dann sage ich: Ich bin eine Mischung aus T\u00fcrkin, Deutscher und Bayerin. Seit 1999 habe ich die deutsche Staatangeh\u00f6rigkeit. Aber nach allem, was passiert, frage ich mich manchmal: Was habe ich in diesem Land zu suchen? Was mache ich in Deutschland, wo man meinem Mann Habil und meiner Familie so Schreckliches angetan hat?<br><br>Ich habe Habil in den Ferien in der T\u00fcrkei kennengelernt. Er war charmant, sah gut aus, ich mochte seine Freundlichkeit und wie er sich mir gegen\u00fcber benahm. Lange haben wir uns nur Briefe geschrieben, und auch nachdem wir verheiratet waren, mussten wir einige Zeit warten, bis er nach Deutschland kommen durfte. Ich war in M\u00fcnchen zu Hause, aber ich glaube, mein Mann hat sich hier nicht wohl gef\u00fchlt. In der T\u00fcrkei hatte er ein eigenes Gesch\u00e4ft \u2013 hier konnte er die Sprache nicht.<br><br>Er hat auf dem Gro\u00dfmarkt gearbeitet, obwohl er eigentlich Besseres gekonnt h\u00e4tte. Aber dort hatte er wenigstens seinen Freundeskreis, mit dem er reden und nachmittags Kaffee trinken konnte. Doch oft hat er zu mir gesagt: \u201eWir m\u00fcssen zur\u00fcck in die T\u00fcrkei. Ich bin hier eine Null. Nichts. Hier fehlt etwas. Es gibt f\u00fcr mich keinen gescheiten Arbeitsplatz. Ich komme hier nicht weiter.\u201c Aber ich wollte damals hier bleiben. Ich wollte nicht einen Teil meines Lebens abschneiden. Und ohne meine Tochter und mich wollte er auch nicht gehen. Das hat ihm das Leben gekostet \u2013 genau in dem Frischwarenladen, den ich wenige Monate vorher \u00fcbernommen hatte, weil ich hoffte, dass ich dort am besten f\u00fcr unsere Familie da sein k\u00f6nnte. Unsere Wohnung war ja gleich \u00fcber dem Gesch\u00e4ft. So konnte ich meine Tochter nachmittags aus dem Hort abholen und f\u00fcr sie kochen. Und mein Mann half im Laden mit, wenn er mit seiner Arbeit im Gro\u00dfmarkt fertig war.<br><br>Als am 29. August 2001 seine M\u00f6rder in den Laden kamen und ein Blutbad anrichteten, waren meine Tochter und ich gerade in der T\u00fcrkei. Wir machten Urlaub mit Habils Familie, er war in M\u00fcnchen geblieben, weil er seinen Chef in der Gro\u00dfmarkthalle nicht alleine lassen wollte. Wir wollten gerade f\u00fcr einige Tage nach Bodrum ans Meer fahren, als mein Bruder einen Anruf bekam und zu mir sagte: \u201eDein Mann ist sehr krank.\u201c Ich habe dann eine Freundin in M\u00fcnchen angerufen. \u201eDu musst sofort nach Deutschland kommen\u201c, hat sie durchs Telefon gerufen. Aber nicht gesagt, warum.<br><br>Als ich in M\u00fcnchen aus dem Flugzeug stieg, holten meine Mutter und eine Bekannte mich ab. Sie sagten: \u201eDu musst jetzt sehr ruhig bleiben. Habil ist gestorben.\u201c \u201eWie, gestorben? Er war doch ganz gesund!\u201c Und dann hat man mir gesagt, dass mein Mann erschossen worden ist. Ich musste vom Flughafen aus direkt aufs Polizeirevier zum Verh\u00f6r fahren. Man hat mir einen Kaffee angeboten und dann fingen die Befragungen an. Aber ich wusste doch gar nichts zu erz\u00e4hlen! Ich war doch mit meiner Tochter in der T\u00fcrkei gewesen.<br><br>In den folgenden Tagen hat die Polizei meine Wohnung auf den Kopf gestellt. Geschirr ging kaputt, die W\u00e4nde waren mit Pulver beschmiert, um Fingerabdr\u00fccke zu suchen, alles war durcheinander. Meine Mutter und ich wurden immer wieder vernommen. Man hat meine Fingerabdr\u00fccke abgenommen und mir schlie\u00dflich ein Schild umgeh\u00e4ngt mit einer Nummer drauf und ein Foto gemacht. Es erinnerte mich an die Bilder von den Juden im Dritten Reich. Sie haben mich behandelt wie eine M\u00f6rderin. Irgendjemand glaubte offenbar, meine Mutter und ich h\u00e4tten jemanden beauftragt, meinen Mann zu erschie\u00dfen.<br><br>Sp\u00e4ter kam dann der Verdacht auf, mein Mann sei in Drogengesch\u00e4fte verwickelt gewesen.<br><br>Ich selbst hatte nur Fragezeichen im Kopf. Warum er? Warum wir? Was haben wir getan? Wir hatten doch mit niemandem Probleme \u2013 nicht mit den Deutschen, nicht mit den T\u00fcrken. Nicht mit den Nachbarn. Ich habe dann \u00fcberlegt: Wahrscheinlich war da irgendein Streit in der Gro\u00dfmarkthalle unter Freunden? Oder vielleicht wollte jemand unser Gesch\u00e4ft haben? Es gab einfach keine Antwort. Auf die Idee, dass die Tat etwas mit Ausl\u00e4nderfeindlichkeit zu tun haben k\u00f6nnte, bin ich nie gekommen. Nie! Ich hatte doch immer mit Deutschen zusammengearbeitet, meine Chefs waren immer Deutsche, meine Arbeitskollegen, sie waren doch alle immer nett. Es hatte nie Schwierigkeiten gegeben. Erst nach dem Tod meines Mannes fingen die Probleme an.<br><br>Die erste Zeit war so brutal, dass ich sie kaum beschreiben mag. Ich musste das Blut meines Mannes vom Boden des Gesch\u00e4ftes und von den W\u00e4nden abwischen. Der Laden war lange von der Polizei versiegelt, aber ich musste weiter Miete zahlen. Doch nach allem, was passiert war, konnte ich das Gesch\u00e4ft einfach nicht weiterf\u00fchren. Ich war auch nicht in der Lage, in meiner Wohnung \u00fcber dem Laden zu bleiben. Ich hatte einfach Angst, dass auch mir etwas passieren w\u00fcrde oder meiner Tochter. Es war so unheimlich. Dann geschahen auch so merkw\u00fcrdige Dinge, mein Auto wurde demoliert und die Reifen durchstochen. Es war alles gruselig und keiner hatte eine Antwort auf das \u201eWarum\u201c. Ich bin dann zuerst zu meiner Mutter gezogen und dann in einen ganz anderen Stadtteil \u2013 blo\u00df weit weg!<br><br>Damals sind wir mit unserem Problem v\u00f6llig allein geblieben. Keiner ist gekommen, um uns zu helfen. Im Gegenteil. Sie haben uns schikaniert. Die Schuldirektorin meiner Tochter sagte eines Tages, mein Kind m\u00fcsse sich eine andere Schule suchen. \u201eWieso?\u201c \u201eJa, wir dachten, Ihre Tochter w\u00fcrde nicht aus der T\u00fcrkei zur\u00fcckkommen.\u201c Es sei f\u00fcr sie und die Schule zu gef\u00e4hrlich, denn die M\u00f6rder meines Mannes seien ja noch nicht gefasst. Erst als die Polizei der Direktorin erkl\u00e4rte, dass das Quatsch sei, durfte meine Tochter bleiben.<br><br>Ich war in der ersten Zeit nicht in der Lage zu arbeiten, und als ich schlie\u00dflich eine Stelle in einem Textilgesch\u00e4ft fand, wurde ich von meinen deutschen Kolleginnen rausgemobbt. Irgendjemand hatte herausgefunden, dass ich die Frau des ermordeten Habil K. bin. Dann haben sie mir Zeitungsartikel auf den Tisch gelegt. Schlie\u00dflich wurde ich entlassen. Finanziell war das das Ende. Wir hatten alle unsere Ersparnisse in meinen Frischwarenladen gesteckt. Irgendwann musste ich selbst die Grundst\u00fccke verkaufen, die ich noch in der T\u00fcrkei besa\u00df. Schlie\u00dflich bin ich bei Hartz IV gelandet.<br><br>Auch Freunde und Nachbarn haben sich nach dem Mord von uns zur\u00fcckgezogen, weil sie dachten: Da stimmt was nicht. Wenn die Polizei schon glaubt, dass das einer aus der Familie war, dann wird da schon was dran sein. Jetzt, wo die Sache aufgekl\u00e4rt ist, kommen sie alle an. Ich wei\u00df nicht, woher ich die Kraft hatte, das alles durchzustehen. Meine Mutter hat mich sehr unterst\u00fctzt, ebenso die Familie meines Mannes. Aber in erster Linie war es Gott, der mir Kraft gegeben hat. Ich habe gebetet, gebetet, gebetet.<br><br>Als sich das Ganze dann im Herbst 2011 aufkl\u00e4rte, war das eine gro\u00dfe Erleichterung. Gott sei Dank. Jetzt wissen wir, wer Freund und wer Feind ist. Aber nach all den Spekulationen bin ich nicht sicher: Ist das jetzt die ganze Wahrheit? Wer steckt wirklich hinter der Sache? Ich zweifle auch, dass das bei dem Prozess in M\u00fcnchen rauskommt. Wenn ich die Angeklagten dort sehe, wie sie lachen und scherzen, dann denke ich daran, wie ich all die letzten Jahre nicht mehr lachen konnte. Dennoch empfinde ich keinen Hass, auch nicht auf die Zsch\u00e4pe. F\u00fcr mich ist sie eine arme Frau \u2013 eine Kasperluppe, eine Marionette. Sie war noch sehr jung, als sie da reingezogen wurde. Ich glaube, man hat ein Spiel mit ihr getrieben. Da stecken andere dahinter \u2013 was wei\u00df ich, wer. Da sind noch so viele Fragen offen, und ich w\u00fcrde so gerne die Wahrheit erfahren.<br><br>Das Wichtigste an dem Prozess ist f\u00fcr mich, dass er \u00fcberhaupt stattfindet. Ich m\u00f6chte, dass die Menschen erfahren, wie brutal diese Rechtsextremisten sind. Nach allem, was in Deutschland mit den Juden geschehen ist, hoffe ich, dass der Prozess den Menschen die Augen daf\u00fcr \u00f6ffnet, dass die Gefahr von rechts nicht vorbei ist. Und nat\u00fcrlich m\u00f6chte ich, dass die T\u00e4ter im Gef\u00e4ngnis landen, damit sie nie wieder so schreckliche Dinge tun k\u00f6nnen.<br><br>Man hat mir meine Zukunft genommen. Da k\u00f6nnen auch all die Beileidsbekundungen der Politiker nicht helfen. Ich war bei der Gedenkfeier mit Kanzlerin Angela Merkel. Sie hat ganz allgemein ihr Bedauern gezeigt. Aber das waren Worte, mehr nicht. Frau Merkel hat die Dinge nicht durchlebt, die ich durchleben musste. Sie hat nichts mit diesem NSU zu tun. Sie kann nichts daf\u00fcr. Sie kann mit ihren Worten auch nicht meinen Mann zur\u00fcckbringen. Niemand kann das. Trotzdem bleibt die Frage: Was ist mit uns, den Opfern? Wenn man uns damals unterst\u00fctzt h\u00e4tte, w\u00e4re unser Leben leichter gewesen. H\u00e4tte man uns damals geholfen, etwa mit einer gescheiten Arbeitsstelle, w\u00e4re der Schaden nicht so gro\u00df gewesen. Heute frage ich: Wie soll ersetzt werden, war wir verloren haben? Was gebt Ihr uns, damit wir eine Zukunft aufbauen k\u00f6nnen \u2013 egal, ob hier oder in der T\u00fcrkei?<br><br>F\u00fcr mich selbst sehe ich keine Zukunft mehr. Aber ich w\u00fcnsche mir eine gute Zukunft f\u00fcr meine Tochter. Sie war erst zehn Jahre alt, als ihr Vater ermordet wurde. Sie hat es so schwer gehabt. Ich m\u00f6chte sie gl\u00fccklich sehen. Ich m\u00f6chte, dass sie eine gute Arbeitsstelle findet und dass sie einen gescheiten Mann heiratet. Ihr Gl\u00fcck w\u00e4re das Sch\u00f6nste f\u00fcr mich.<br><br>Hin und wieder denke ich aber auch: Du bist jetzt 51, fang noch einmal von vorne an. Dann \u00fcberlege ich, ein Gesch\u00e4ft in der T\u00fcrkei aufzumachen. Denn nach allem, was passiert ist, bin ich mir nicht sicher, ob ich in Deutschland bleiben will. Aber ich kann auch nicht einfach weggehen. Ich bin ja nicht allein hier. Meine Tochter muss erst in M\u00fcnchen ihre Schule fertig machen. Und schlie\u00dflich gibt es ja auch in der T\u00fcrkei Probleme. Ich habe au\u00dferdem das Gef\u00fchl, ich muss hier noch etwas zu Ende bringen.<br><br>Manchmal tr\u00e4ume ich davon, ein Kaffeehaus aufzumachen. Ich bin gern mit Menschen zusammen. Ein Kaffeehaus, ja, das w\u00e4re sch\u00f6n. Aber wer sagt mir, dass eines Tages nicht wieder M\u00e4nner mit einer Pistole vor dem Tresen stehen? Dann bekomme ich Angst vor diesem Traum und ich f\u00fchle mich wieder so kaputt, so m\u00fcde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">aus: Barbara John (Hrsg.), <em>Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen. Was der NSU-Terror f\u00fcr die Opfer und Angeh\u00f6rigen bedeutet<\/em>, HERDER, 2014<\/p>\n\n\n        <\/div>\n    <\/div>\n<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n<div id=\"wp-blocks-background-container\">\n    \n\n<div class=\"container px-2 md:px-0 py-7 md:py-8 bg-black text-white grid-6 md:grid-16 relative shadow--bottom\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4 relative\">\n        \n\n<p class=\"is-style-text--medium wp-block-paragraph\">Familie von Mich\u00e8le Kiesewetter<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Familie Kiesewetter<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Es vergeht kein Tag, an dem sie uns nicht fehlt<\/p>\n\n\n    <\/div>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"container grid-6 md:grid-16 px-2 md:px-0 bg-white md:border-l-2 md:border-r-2 border-black\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4\">\n        <div class=\"z-50 sticky\" style=\"top: 50px\">\n            <button type=\"button\" class=\"wp-block-button bg-white text-black readmore-button\" style=\"transform:translateY(-50%)\">\n                Mehr lesen\n            <\/button>\n        <\/div>\n        <div class=\"py-5 md:pt-6 md:pb-8\" style=\"display: none\">\n            \n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Pl\u00e4doyer aus dem NSU-Prozess vom 8. Februar 2018<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir wollen hier als Familie gemeinsam von Mich\u00e8le Kiesewetter erz\u00e4hlen: unserer Tochter, Schwester, Enkelin und Cousine. Sie wurde 2007 w\u00e4hrend ihres Dienstes als Polizistin erschossen. Es war ihr Traumberuf. Schon mit elf Jahren verk\u00fcndete Mich\u00e8le, dass sie unbedingt Polizistin werden wolle. Ihr gro\u00dfes Vorbild war ihr Onkel. Alles, was er aus seiner T\u00e4tigkeit als Polizist erz\u00e4hlte, interessierte sie brennend. Sie wollte ebenso aktiv und vielseitig sein. Vielleicht hing das auch mit ihrem Bewegungsdrang zusammen. Mich\u00e8le war sehr emsig und rastlos \u2013 eben st\u00e4ndig in Bewegung. Entspanntes Laufen oder spazieren gehen war kaum m\u00f6glich. Sie ist einfach immer gesprungen oder gerannt. Sie liebte Fahrradfahren, Inlineskating, Laufen \u2013 alle Sportarten, die mit Schnelligkeit zutun haben. Bewegung, Power, Action!<br><br>Mich\u00e8le war mutiger als die meisten Gleichaltrigen, sie war kein typisches M\u00e4dchen. Zu ihrem Freundeskreis geh\u00f6rten auch viele Jungs. Zimperlich war sie nie, und oft hatte sie die Knie oder die Augenbrauen aufgeschlagen. Im Coburger Schwimmbad ist sie mit sieben Jahren, ohne jedes Zeichen von \u00c4ngstlichkeit, vom 7-Meter-Brett gesprungen. Sp\u00e4ter war sie drei Jahre lang als Biathlonsportlerin aktiv. Da konnte sie zeigen, was k\u00f6rperlich in ihr steckte.<br><br>Mich\u00e8le hat alles daran gesetzt, Polizistin zu werden. Da sie nach ihrem Realschulabschluss 2001 erst 16 Jahre alt war, durfte sie noch keine Ausbildung bei der Polizei beginnen. Deshalb besuchte sie die Fachoberschule mit der Fachrichtung Soziales. 2002 bewarb sie sich bei der Polizei in Baden-W\u00fcrttemberg. Vor der Gesundheitsuntersuchung hatte sie gro\u00dfen Respekt: \u201eUnd was wird, wenn sie mich nicht nehmen?\u201c Dass es auch noch andere Berufe gibt, wollte sie nicht h\u00f6ren. Die Eignungspr\u00fcfung in Baden-W\u00fcrttemberg hat sie dann mit Bravour bestanden. Im Fr\u00fchjahr 2003 erfolgte ihre Einstellung in den Polizeivollzugsdienst des Landes. Ihr war der Polizistenberuf wie auf den Leib geschnitten \u2013 physisch und psychisch.<br><br>Nach der Ausbildung in Biberach fing sie im September 2005 bei der Bereitschaftspolizei in B\u00f6blingen an. W\u00e4hrend ihrer T\u00e4tigkeit dort geh\u00f6rte sie zur BFE 523 (Beweissicherungs- und Festnahme- Einheit). W\u00e4hrend ihrer Ausbildung und danach kehrte sie regelm\u00e4\u00dfig an den Wochenenden oder wenn der Dienst es zulie\u00df in ihre Heimatstadt Oberwei\u00dfbach zur\u00fcck. Hier engagierte sie sich trotz der weiten Entfernung zum Dienstort im Kirmesverein.<br><br>Sie erz\u00e4hlte oft von ihrer Arbeit. Aufgrund der vielen polizeigebr\u00e4uchlichen Abk\u00fcrzungen war es teilweise schwierig nachzuvollziehen, was Mich\u00e8le da eigentlich genau machte. Warum und wie Verd\u00e4chtige zu durchsuchen sind, was alles zu beachten ist. H\u00e4ufig hat sie bei Besuchen zu Hause Bekannte \u00fcber \u201eSchei\u00dfbullen\u201c reden h\u00f6ren. Dann hat sie heftig gekontert: \u201eEs sind doch nicht alle Leute gut und gesetzestreu. Wollt Ihr das durchgehen lassen? Dann wird es immer schlimmer mit Kriminalit\u00e4t und Gewalt!\u201c Meist kamen daraufhin keine Widerworte. Im Gegenteil. Wenn Mich\u00e8le von den positiven Erfahrungen ihres Dienstes berichtete, begannen die Leute zu verstehen, weswegen sie sich nicht f\u00fcr den Beruf, sondern vor allem f\u00fcr die Werte, die dahinterstehen, einsetzte.<br><br>Sie schw\u00e4rmte von der guten Zusammenarbeit mit den Kollegen in Baden-W\u00fcrttemberg und wollte nach Karlsruhe. Im Dezember 2006 begann sie einen berufsbegleitenden Abiturlehrgang, weil sie sp\u00e4ter studieren und eine Laufbahn im h\u00f6heren Dienst anstreben wollte.<br><br>Vier Monate sp\u00e4ter wurde sie hinterr\u00fccks erschossen. An diesem Tag sollte sie ihren Kollegen Martin A, der mit ihr im Auto sa\u00df und den Anschlag knapp \u00fcberlebte, in die Arbeit einweisen. Sie h\u00e4tte eigentlich frei gehabt, doch dann \u00fcbernahm sie kurzfristig die Schicht in Heilbronn.<br><br>Wir denken oft daran, dass Mich\u00e8le ausgerechnet f\u00fcr ihren Traum, Polizistin zu sein, ihr Leben verloren hat. Sie war noch so jung und hatte noch so viele Pl\u00e4ne. Sie wollte eine Familie gr\u00fcnden und Kinder haben, drei, vier. \u201eDie bringe ich dann oft zu euch nach Oberwei\u00dfbach\u201c, hat sie gelacht, \u201eDu nimmst sie doch auch einmal, Omi?\u201c Sie tr\u00e4umte vom Motorradf\u00fchrerschein, und im Winter 2007 wollte sie Skifahren lernen. Wenige Monate davor wurde sie ermordet.<br><br>Mich\u00e8les j\u00e4her, gewaltsamer Tod war f\u00fcr uns unfassbar. Man begreift die harte Realit\u00e4t des Verlustes in keiner Weise. Die Trauer und der Schmerz waren \u00fcberw\u00e4ltigend. Die Trauerfeiern in B\u00f6blingen und Oberwei\u00dfbach und die Beerdigung waren nur schwer zu ertragen und stellten uns alle auf eine innere Zerrei\u00dfprobe. Wir haben die vielen Mittrauernden und die Beileidsbriefe aus Oberwei\u00dfbach und Umgebung wie aus der Ferne wahrgenommen \u2013 es war alles so unwirklich, wir wollten es nicht wahrhaben. Viele Freunde und Bekannte, auch aus Mich\u00e8les Vereinen, waren zur Beerdigung da. Das hat uns sehr viel Trost gespendet. Allerdings fiel es uns schwer, auf das Geschehene und unseren Verlust angesprochen zu werden. Wir hatten allein aufgrund der zeitlichen N\u00e4he zu diesem schicksalhaften Ereignis schwer daran zu tragen. Bei der Arbeit und auf der Stra\u00dfe wurde oft \u201egetuschelt\u201c: \u201eDas ist doch die Schwester von der\u2026\u201c oder \u201eGuck mal, ist das nicht die Mutter?\u201c Wenn wir dann angesprochen wurden, antworteten wir nur knapp, um uns schnell dieser schwierigen Situation zu entziehen. Bis heute sind uns die guten und wahren Freunde und Bekannten von Mich\u00e8le stets eine St\u00fctze und Hilfe, gerade um mit solchen schwierigen Situationen umgehen zu k\u00f6nnen.<br><br>Vier Jahre sp\u00e4ter, als klar wurde, dass die NSU-Terrorzelle offenbar auch f\u00fcr den Mord an Mich\u00e8le verantwortlich ist, durchlebten wir erneut eine schlimme Zeit. Das lag nicht nur daran, dass uns die Tatumst\u00e4nde und deren Hintergr\u00fcnde noch einmal tagt\u00e4glich in den Medien vor Augen gef\u00fchrt wurden, sondern auch an ungeschickten und wenig durchdachten \u00c4u\u00dferungen einiger Ermittlungsbeh\u00f6rden. So behauptete der amtierende BKA-Chef J\u00f6rg Ziercke, dass der Anschlag auf Mich\u00e8le und ihren Polizeikollegen eine Beziehungstat gewesen sei \u2013 ohne dabei auf die genaue polizeiliche, ermittlungstechnische Definition von \u201eBeziehungstat\u201c einzugehen. Damit suggerierte er einen nachgewiesenerma\u00dfen falschen, n\u00e4mlich pers\u00f6nlichen Zusammenhang zwischen Mich\u00e8les Tod und den Zusammenk\u00fcnften von rechtsextremistischen Gruppierungen in unserem Nachbarort. Diesen falschen Sachverhalt griffen allerdings die \u00fcberregionalen sowie lokalen Zeitungen auf. Pl\u00f6tzlich war der ganze Ort voll mit Journalisten und Kameras. Die Aufdringlichkeit dieser \u201emedialen Beobachter\u201c kannte nahezu keine Grenze und wurde so auf die Spitze getrieben, dass wir stundenlang nicht vor die T\u00fcr gehen konnten.<br><br>In der \u00d6ffentlichkeit wurden damit auch f\u00e4lschlicherweise Oberwei\u00dfbach und die Umgebung als eine durch die rechte Szene beherrschte Gegend dargestellt, das war f\u00fcr die meisten Menschen hier sehr diffamierend. Sie waren emp\u00f6rt. Der B\u00fcrgermeister reagierte schlie\u00dflich mit einem offenen Brief, um diese falschen Behauptungen zu entkr\u00e4ften.<br><br>Wenn wir sagen sollen, was uns heute, sieben Jahre nach Mich\u00e8les Tod, das Wichtigste ist, dann w\u00e4re es die Forderung, dass endlich die rechtsradikalen Netzwerke von damals und heute aufgedeckt werden. Sei es durch einen der vielen Untersuchungsaussch\u00fcsse oder die parallele kriminaltechnische Polizeiarbeit. Doch um alles herauszufinden, ist es m\u00f6glicherweise schon zu sp\u00e4t. Inzwischen ist so viel Zeit vergangen, so viele Unterlagen sind bereits verschwunden. Heute kann jeder sagen: Das wei\u00df ich nicht mehr.<br><br>Uns ist nach wie vor v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich, wie das Trio Mundlos, B\u00f6hnhardt und Zsch\u00e4pe sich so lange im Untergrund versteckt halten konnte. Wie kann es sein, dass die Polizei unterm Strich so gut wie nichts an zutreffenden Fakten richtig ermittelt hat? Warum haben LKA, BKA, Verfassungsschutz etc. nicht besser zusammengearbeitet? Sei es im Fall der falschen F\u00e4hrte um das \u201ePhantom von Heilbronn\u201c oder aber bei den Fakten-Puzzleteilen unterschiedlicher Polizeibeh\u00f6rden, die einfach nicht zusammengef\u00fcgt wurden. W\u00e4re das gelungen, h\u00e4tten die T\u00e4ter fr\u00fcher entdeckt werden k\u00f6nnen. Erschreckend bleibt f\u00fcr uns bis heute, wie einseitig damals ermittelt wurde. Die Beh\u00f6rden h\u00e4tten die Morde verhindern k\u00f6nnen, wenn sie nicht nur in Richtung organisierte Kriminalit\u00e4t ermittelt h\u00e4tten. Leider waren scheinbar alle Beh\u00f6rden auf dem rechten Auge blind. Traurig daran ist, dass erst so viele Menschen sterben mussten, um das Ausma\u00df rechtsextremistischer Gewalt in Deutschland aufzudecken.<br><br>Was uns nach wie vor ungeheuer qu\u00e4lt, ist die Frage: Warum? Warum dieser Mord? Warum Mich\u00e8le? F\u00fcr uns w\u00e4re es so wichtig zu wissen, warum Mich\u00e8le sterben musste. Was hatten die T\u00e4ter f\u00fcr Gr\u00fcnde?<br><br>Mich\u00e8le und ihr Kollege wurden w\u00e4hrend ihrer Pause am Rande der Theresienwiese in ihrem Polizeiauto erschossen. Auf diesem Volksfest bieten Verk\u00e4ufer aus den unterschiedlichsten Kulturen ihre Ware feil. Vielleicht wollten die T\u00e4ter auf dem Volksfest in Heilbronn wieder Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund angreifen? Waren Mich\u00e8le und Martin daher einfach nur zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort? Nach wie vor k\u00f6nnen wir dar\u00fcber nur spekulieren. Denn diejenige, die es wissen k\u00f6nnte, die Angeklagte Beate Zsch\u00e4pe, schweigt sich aus. Das ist f\u00fcr uns \u00e4u\u00dferst schwer zu ertragen. Dabei liegt die Vermutung nahe, dass sie etwas zu verbergen hat. Wir hoffen daher, dass die Justiz mit beiden Augen wachsam ist und jedes Detail aufkl\u00e4rt. Ob es im Falle eines Schuldspruches eine gerechte Strafe f\u00fcr die Angeklagten geben kann, ist fraglich.<br><br>In Gedenken an die Ermordung von Mich\u00e8le wurde in Heilbronn eine Stele aufgestellt. Hier fanden und finden zu ihrem Todestag regelm\u00e4\u00dfig Gedenkveranstaltungen statt, bei denen Familienangeh\u00f6rige anwesend sind. Im Zuge der Aufdeckung des NSU wurde die Stele durch eine Gedenkplatte mit den Namen aller Opfer ersetzt. In ihrer Kaserne in B\u00f6blingen, in der Mich\u00e8le ihren Dienst verrichtete, wurde von Kollegen ein Baum gepflanzt, um ihr Gedenken zu bewahren. An diesem Ort k\u00f6nnen wir und auch ihre Kollegen trauern, wof\u00fcr wir \u00e4u\u00dferst dankbar sind.<br><br>Wir k\u00f6nnen nicht beschreiben, wie sehr wir Mich\u00e8le vermissen, dazu schmerzt es zu sehr. Zeit heilt in diesem Fall leider keine Wunden. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht an Mich\u00e8le denken und an dem sie uns nicht fehlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">aus: Barbara John (Hrsg.), <em>Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen. Was der NSU-Terror f\u00fcr die Opfer und Angeh\u00f6rigen bedeutet<\/em>, HERDER, 2014<\/p>\n\n\n        <\/div>\n    <\/div>\n<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n<div id=\"wp-blocks-background-container\">\n    \n\n<div class=\"container px-2 md:px-0 py-7 md:py-8 bg-black text-white grid-6 md:grid-16 relative shadow--bottom\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4 relative\">\n        \n\n<p class=\"is-style-text--medium wp-block-paragraph\">Ehefrau von Mehmet Kuba\u015f\u0131k<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Elif Kuba\u015f\u0131k<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Wir sind ein Teil dieses Landes, und wir werden hier weiterleben<\/p>\n\n\n    <\/div>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"container grid-6 md:grid-16 px-2 md:px-0 bg-white md:border-l-2 md:border-r-2 border-black\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4\">\n        <div class=\"z-50 sticky\" style=\"top: 50px\">\n            <button type=\"button\" class=\"wp-block-button bg-white text-black readmore-button\" style=\"transform:translateY(-50%)\">\n                Mehr lesen\n            <\/button>\n        <\/div>\n        <div class=\"py-5 md:pt-6 md:pb-8\" style=\"display: none\">\n            \n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Pl\u00e4doyer aus dem NSU-Prozess vom 21. November 2017<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--running wp-block-paragraph\">Mein Name ist Elif Kuba\u015f\u0131k. Ich bin Kurdin, Alevitin, Dortmunderin, deutsche Staatsangeh\u00f6rige. 1991 sind mein Mann Mehmet, unsere Tochter Gamze und ich als Fl\u00fcchtlinge hierher nach Deutschland gekommen und haben politisches Asyl erhalten.<br><br>Mein Mann Mehmet wurde am 4. April 2006 von der Terrororganisation NSU ermordet.<br><br>Mehmet und ich haben uns sehr geliebt und daraufhin geheiratet. Er war sehr liebevoll, er war sehr besorgt um seine Familie, er war vernarrt in seine Kinder, er hatte eine sehr enge Beziehung zu seiner Tochter Gamze. Jeder Mensch, ob klein oder gro\u00df, ob jung oder alt, mochte ihn.<br><br>All die guten Dinge fallen mir ein \u00fcber Mehmet, wenn ich an ihn denke, was f\u00fcr ein Mensch er war, wie sch\u00f6n er war, als Mensch, was f\u00fcr ein Vater er war.<br><br>Mein Herz ist mit Mehmet begraben.<br><br>Ich glaube, die St\u00e4rke, die ich heute zeigen kann, die kommt einfach von der Beziehung mit ihm. Ich glaube, das Vertrauen, vor allem auch die Sicherheit, die er mir gegeben hat, hat mich stark gemacht.<br><br>Zu diesem Prozess zu kommen, war niemals leicht f\u00fcr mich, heute ist es auch nicht leicht f\u00fcr mich, diese Leute zu sehen, das auszuhalten, ist nicht leicht. Ich war immer wieder krank, nachdem ich hier war. Besonders schwer ist es f\u00fcr mich, den Anblick dieser Frau auszuhalten. Ekelhaft, einfach ekelhaft aber war ihre Aussage. Es ist alles L\u00fcge, was sie sagte. Sogar die Form, wie sie sich entschuldigt hat, war verletzend. Das war so, als w\u00fcrde sie uns beleidigen. Mein Arm wurde taub durch die Anspannung, weil ich versucht habe, mich w\u00e4hrenddessen zusammenzurei\u00dfen. Man hatte das Gef\u00fchl, sie macht sich lustig \u00fcber uns.<br><br>Aber auch der Tag, an dem die Polizisten aus Dortmund ausgesagt haben, war ein schlimmer Tag f\u00fcr mich: zu h\u00f6ren, welchen Beweisen sie \u00fcberhaupt nicht nachgegangen sind, was sie sich nicht einmal angeschaut haben.<br><br>Ich will, dass die Angeklagten hier verurteilt werden, ich will, dass sie ihre Strafe bekommen.<br><br>Aber f\u00fcr mich w\u00e4re weitere Aufkl\u00e4rung auch sehr wichtig gewesen.<br><br>Hier im Prozess sind meine Fragen nicht beantwortet worden: Warum Mehmet, warum ein Mord in Dortmund, gab es Helfer in Dortmund, sehe ich sie heute vielleicht immer noch, es gibt so viele Nazis in Dortmund, und f\u00fcr mich so wichtig, was wusste der Staat? Vieles davon bleibt unbeantwortet nach diesem Prozess. Frau Merkel hat ihr Versprechen von 2012 nicht gehalten.<br><br>Aber eines m\u00f6chte ich zum Abschluss noch sagen:<br><br>Die, die das gemacht haben, die diese Taten begangen haben, sollen nicht denken, weil sie neun Leben ausgel\u00f6scht haben, dass wir dieses Land verlassen werden. Ich lebe in diesem Land, und ich geh\u00f6re zu diesem Land. Ich habe zwei Kinder in diesem Land zur Welt gebracht, und mein Enkel Mehmet ist hier zur Welt gekommen.<br><br>Wir sind ein Teil dieses Landes, und wir werden hier weiterleben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">aus: Antonia von der Behrens (Hrsg.),<em>&nbsp;Kein Schlussswort. Nazi-Terror. Sicherheitsbeh\u00f6rden. Unterst\u00fctzernetzwerk,&nbsp;<\/em>VSA: Verlag, Hamburg 2018<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n        <\/div>\n    <\/div>\n<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n<div id=\"wp-blocks-background-container\">\n    \n\n<div class=\"container px-2 md:px-0 py-7 md:py-8 bg-black text-white grid-6 md:grid-16 relative shadow--bottom\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4 relative\">\n        \n\n<p class=\"is-style-text--medium wp-block-paragraph\">Ehefrau von Mehmet Kuba\u015f\u0131k<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Elif Kuba\u015f\u0131k<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Das ist kein gerechtes Urteil<\/p>\n\n\n    <\/div>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"container grid-6 md:grid-16 px-2 md:px-0 bg-white md:border-l-2 md:border-r-2 border-black\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4\">\n        <div class=\"z-50 sticky\" style=\"top: 50px\">\n            <button type=\"button\" class=\"wp-block-button bg-white text-black readmore-button\" style=\"transform:translateY(-50%)\">\n                Mehr lesen\n            <\/button>\n        <\/div>\n        <div class=\"py-5 md:pt-6 md:pb-8\" style=\"display: none\">\n            \n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Erkl\u00e4rung vom 30. April 2020 zum Urteil des OLG M\u00fcnchen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--running wp-block-paragraph\">Immer wieder bin ich nach M\u00fcnchen ins Gericht gekommen, ich habe als Zeugin ausgesagt, obwohl es mir unendlich schwerfiel. Aber ich schuldete dies Mehmet. F\u00fcr ihn, f\u00fcr uns, f\u00fcr unsere Kinder habe ich gek\u00e4mpft.&nbsp;<br><br>Ich hatte so viele Fragen: Wie konnte eine bewaffnete Gruppe \u00fcber Jahre hinweg faschistische Morde und Anschl\u00e4ge in Deutschland begehen? Warum wurden sie nicht gestoppt? Was wusste der Staat davon? Bevor Mehmet ermordet wurde, hatten sie schon sieben andere Menschen umgebracht.&nbsp;<br><br>Ich fragte mich, wie gro\u00df diese Gruppe war. Das waren doch nicht nur diese drei. Geh\u00f6rten sie zu der Gruppe Nazis aus Dortmund? Liefen die Helfer dieser M\u00f6rder vielleicht in einer der vielen Nazidemonstrationen mit, die auch an unserem Haus vorbei ziehen? Man muss kein hoher Polizist sein, um zu sehen, wie gef\u00e4hrlich sie sind, wie viel Hass sie haben.<br><br>Um Antworten auf diese Fragen zu erhalten, bin ich zum Gericht gekommen.&nbsp;<br><br>Und ich wollte ein gerechtes Urteil.<br><br>Aber dann kam der Tag, als Sie als Gericht das Urteil gesprochen haben.&nbsp;<br><br>Dieser Tag hat sich bei mir eingebrannt. Ich konnte es nicht vergessen, mit welcher Unbarmherzigkeit Sie versucht haben Ismail Yozgat, der seinen Sohn verloren hat, w\u00e4hrend des Urteils zum Schweigen zu bringen. Dabei klagte er nur aus Schmerz.<br><br>Ich habe nicht verstanden, warum wir Ihnen kein Wort wert waren, warum Sie nicht mehr als die Anzahl der Sch\u00fcsse erw\u00e4hnten, mit denen Mehmet ermordet worden ist. Sie hatten mich doch sogar im Zeugenstand gefragt, was er f\u00fcr eine Pers\u00f6nlichkeit gewesen war, was der Mord bei uns angerichtet hat.&nbsp;<br><br>Ich habe nicht verstanden, warum Sie unsere Fragen nicht wenigstens in Ihrem Urteil erw\u00e4hnt haben. Warum hatten Sie nicht einmal genug Respekt, uns zu erkl\u00e4ren, warum diese Fragen in Ihrem Verfahren und in Ihrem Urteil keinen Platz hatten?&nbsp;<br><br>Ich konnte dies nicht ertragen. Noch w\u00e4hrend Sie kalt das Urteil vorlasen, habe ich den Saal verlassen. Wahrscheinlich haben Sie nicht einmal das bemerkt.&nbsp;<br><br>Jetzt haben Sie viel Zeit verstreichen lassen, bis Sie uns das Urteil geschickt haben. Das Urteil ist sehr lang. Aber warum haben Sie dann nicht wenigstens aufgeschrieben, wonach Sie uns gefragt haben, was Sie von all den Zeugen, von uns und allen anderen geh\u00f6rt haben, was diese Morde mit uns und unseren Familien angerichtet haben? Warum haben Sie nicht das aufgeschrieben, was herausgekommen ist \u00fcber die vielen Helfer dieser Gruppe, was herausgekommen ist dar\u00fcber, wer alles \u00fcber diese drei Leute Bescheid wusste, wie nah der Staat ihnen war? Warum haben Sie nicht aufgeschrieben, dass man nicht die ganze Wahrheit finden kann, wenn Akten zerst\u00f6rt werden, wenn Zeugen l\u00fcgen?<br><br>Die Gerechtigkeit, die ich uns gegen\u00fcber erhofft hatte, hat das Urteil nicht gebracht. Es ist, als ob Mehmet nur eine Nummer f\u00fcr Sie gewesen ist, als ob es unsere Fragen nicht gegeben h\u00e4tte.&nbsp;<br><br>Wir wollten nichts Unm\u00f6gliches. Wir wollten, dass Sie uns ernsthaft zuh\u00f6ren, uns, die schon vor allen anderen ahnten, dass hinter den Morden Nazis stecken. Wir wollten, dass Sie Ihre Pflicht tun. Dass Sie untersuchen, was geschehen ist, dass Sie aufschreiben, was gesagt worden ist.&nbsp;<br><br>Die Hoffnung, Antworten zu erhalten, habe ich trotz allem und trotz Ihnen nicht ganz aufgegeben. Es gibt zu viele Menschen, die bis heute nicht loslassen, die f\u00fcr uns und f\u00fcr die ganze Gesellschaft um die Wahrheit k\u00e4mpfen, die daf\u00fcr sorgen, dass Mehmet und all die anderen Opfer nicht vergessen werden. Ihnen gilt meine Dankbarkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--running wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.nsu-nebenklage.de\/blog\/2020\/05\/19\/30-04-2020\">https:\/\/www.nsu-nebenklage.de\/blog\/2020\/05\/19\/30-04-2020<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n        <\/div>\n    <\/div>\n<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n<div id=\"wp-blocks-background-container\">\n    \n\n<div class=\"container px-2 md:px-0 py-7 md:py-8 bg-black text-white grid-6 md:grid-16 relative shadow--bottom\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4 relative\">\n        \n\n<p class=\"is-style-text--medium wp-block-paragraph\">Tochter von Mehmet Kuba\u015f\u0131k<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gamze Kuba\u015f\u0131k<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Sie haben das Versprechen gebrochen!<\/p>\n\n\n    <\/div>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"container grid-6 md:grid-16 px-2 md:px-0 bg-white md:border-l-2 md:border-r-2 border-black\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4\">\n        <div class=\"z-50 sticky\" style=\"top: 50px\">\n            <button type=\"button\" class=\"wp-block-button bg-white text-black readmore-button\" style=\"transform:translateY(-50%)\">\n                Mehr lesen\n            <\/button>\n        <\/div>\n        <div class=\"py-5 md:pt-6 md:pb-8\" style=\"display: none\">\n            \n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Pl\u00e4doyer aus dem NSU-Prozess vom 22. November 2017<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--running wp-block-paragraph\"><br>Mein Name ist Gamze Kuba\u015f\u0131k. Ich m\u00f6chte am Ende dieses Prozesses auch noch etwas sagen: Vor \u00fcber vier Jahren, als das hier angefangen hat, habe ich gehofft, dass alle, die mit dem Mord an meinem Vater zu tun haben, auch verurteilt werden und eine gerechte Strafe bekommen. Heute, am Ende dieses Prozesses, wei\u00df ich immer noch nicht, wer au\u00dfer den Angeklagten alles noch beteiligt gewesen ist. Ich wei\u00df auch nicht, warum ausgerechnet mein Vater ausgew\u00e4hlt wurde. Ich wei\u00df auch bis heute nicht, wer in Dortmund geholfen hat oder aber wer unseren Kiosk vor dem Mord ausspioniert hat. Auch verstehe ich bis heute nicht, warum diese Menschen nicht gestoppt worden sind. Man kannte sie doch auch und wusste, wo sie sind.<br><br>Das einzige, was ich nach diesem Prozess wei\u00df, ist, dass diese f\u00fcnf Menschen hier schuldig sind.<br><br>Holger Gerlach: Ich glaube, dass er wusste, was Mundlos, B\u00f6hnhardt und Zsch\u00e4pe 13 Jahre lang gemacht haben. Er ist kein Trottel, der nur alten Freunden helfen wollte. Ich glaube, er wusste genau, was die vorhatten, und er wollte das auch so. Ich finde gut, dass er hier \u00fcberhaupt etwas gesagt hat. Ob ich das aber glaube, ist eine andere Sache. Er hat nach meiner Meinung versucht, sich hier \u201egut zu reden\u201c. Das hat nicht funktioniert. Weil er denen geholfen hat, ist er mit schuld am Tod von meinem Vater. Er h\u00e4tte die drei ja auch damals verpfeifen k\u00f6nnen. Dann h\u00e4tte er verhindert, dass so viele Menschen sterben m\u00fcssen. Er sollte sich klarmachen, dass er auch daf\u00fcr verantwortlich ist, dass ich meinen Vater verloren habe und meine Geschwister ohne Vater aufwachsen mussten.<br><br>Andr\u00e9 Eminger: Ich habe keinen Zweifel, dass er ganz eng mit dabei war. Er war so eng mit diesen drei Leuten, dass er gewusst hat, was die machen, dass die Morde begehen. So wie er heute hier sitzt, bin ich auch davon \u00fcberzeugt, dass er an seiner Nazi-Einstellung nicht ein bisschen ge\u00e4ndert hat. Er ist f\u00fcr mich der Schlimmste von allen Helfern des NSU. Ich glaube au\u00dferdem, dass er nicht nur Unterst\u00fctzer war, sondern eigentlich mit denen auf einer Stufe.<br><br>Carsten Sch.: Er ist der einzige, dem ich hier pers\u00f6nlich abnehme, dass ihm das, was hier passiert ist, leidtut. Er war damals auch noch jung. Er hat hier das Mindeste getan, was er heute tun kann. Er hat geholfen, die Wahrheit zu finden. Auch wenn ich glaube, dass er seine Nazi-Einstellung von fr\u00fcher hier nicht schonungslos und offen erz\u00e4hlt hat, bin ich bereit, seine ehrliche Reue anzuerkennen.<br><br>Ralf Wohlleben: Er ist daf\u00fcr verantwortlich, dass der NSU eine Waffe mit Schalld\u00e4mpfer bekommen hat. Mit dieser Waffe wurde mein Vater ermordet. Er war Helfer der ersten Stunde f\u00fcr diejenigen, die diese ganzen Menschen umgebracht haben. Die anderen Ermordeten und auch mein Vater haben ihm \u00fcberhaupt nichts getan. Er kannte sie gar nicht. Ich verstehe diese ganze Nazi- Ideologie nicht. F\u00fcr mich ergibt das keinen Sinn. Wohlleben ist schlau und gef\u00e4hrlich. Er war der, der alles mitorganisiert hat. Wie er sich in diesem Prozess hier verhalten hat, zeigt mir, dass er an seiner Einstellung nichts ge\u00e4ndert hat.<br><br>Beate Zsch\u00e4pe: Sie ist f\u00fcr mich genauso schuldig wie diejenigen, die mit eigener Hand auf meinen Vater geschossen haben. Sie hat alles mitgeplant. Was ich bis heute nicht verstehe, ist, warum sie dann nicht auch zu ihren Taten steht. Das finde ich feige! Sie hat doch selbst dieses Video verschickt. Ich bin mir sicher, dass sie es auch kannte und wollte, dass wir Familien noch einmal darunter leiden. Wenn sie das aber alles so wollte, warum stellt sie sich dann hier nicht hin und sagt das wenigstens?<br><br>Ich glaube auch kein Wort von dem, was ihre Anw\u00e4lte hier f\u00fcr sie vorgegeben haben. Das macht \u00fcberhaupt keinen Sinn und war auch total unpers\u00f6nlich. Wenn ich hier h\u00f6re, dass Zsch\u00e4pe das Haus in Zwickau angez\u00fcndet hat, wo beinahe drei Menschen ums Leben gekommen w\u00e4ren und nur ihre Katzen retten wollte, zeigt mir das, was f\u00fcr eine Pers\u00f6nlichkeit sie hat.<br><br>Und wenn sie sich wirklich f\u00fcr die Morde sch\u00e4men w\u00fcrde, wenn sie Reue zeigen w\u00fcrde \u2013 warum hilft sie uns dann nicht? Warum sagt sie nicht, wie es passiert ist? Warum sagt sie nicht, wer alles noch mitgeholfen hat? Warum sagt sie nicht, warum unbedingt mein Vater umgebracht werden musste? Warum beantwortet sie all unsere Fragen nicht?<br><br>Frau Zsch\u00e4pe, wenn Ihnen wirklich irgendwann leidtut, was passiert ist, dann antworten Sie! Das geht auch dann noch, wenn dieser Prozess hier vorbei ist.<br><br>Ich habe immer noch so viele Fragen, auf die ich keine Antworten bekommen habe. Daran sind aber auch die Ankl\u00e4ger hier Schuld. Frau Merkel hatte mir pers\u00f6nlich versprochen, dass alles unternommen wird, um die Taten vollst\u00e4ndig aufzukl\u00e4ren und alle T\u00e4ter einer gerechten Strafe zuzuf\u00fchren.<br><br>Sie haben vielleicht viel daf\u00fcr getan, dass diese f\u00fcnf hier verurteilt werden. Aber was ist mit den ganzen anderen? Ich glaube nicht daran, dass Sie noch irgendwann jemanden anderes anklagen. F\u00fcr Sie ist die Sache doch hier abgeschlossen.<br><br>F\u00fcr mich und meine Familie bleibt es aber ein Leben lang so, dass ich mit qu\u00e4lenden Fragen leben muss. Ich hatte am Anfang von diesem Prozess so viel Hoffnung, dass nach so langer Zeit jetzt endlich Gewissheit kommt, dass es eine Sicherheit gibt. Diese Hoffnung gibt es nicht mehr. Wir werden wahrscheinlich nie zur Ruhe kommen.<br><br>Sie haben das Versprechen gebrochen!<br><br>aus: Antonia von der Behrens (Hrsg.),<em>&nbsp;Kein Schlussswort. Nazi-Terror. Sicherheitsbeh\u00f6rden. Unterst\u00fctzernetzwerk,&nbsp;<\/em>VSA: Verlag, Hamburg 2018<\/p>\n\n\n        <\/div>\n    <\/div>\n<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n<div id=\"wp-blocks-background-container\">\n    \n\n<div class=\"container px-2 md:px-0 py-7 md:py-8 bg-black text-white grid-6 md:grid-16 relative shadow--bottom\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4 relative\">\n        \n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">T\u00fclin \u00d6z\u00fcdo\u011fru<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Tochter von Abdurrahim \u00d6z\u00fcdo\u011fru<\/p>\n\n\n    <\/div>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"container grid-6 md:grid-16 px-2 md:px-0 bg-white md:border-l-2 md:border-r-2 border-black\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4\">\n        <div class=\"z-50 sticky\" style=\"top: 50px\">\n            <button type=\"button\" class=\"wp-block-button bg-white text-black readmore-button\" style=\"transform:translateY(-50%)\">\n                Mehr lesen\n            <\/button>\n        <\/div>\n        <div class=\"py-5 md:pt-6 md:pb-8\" style=\"display: none\">\n            \n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Pl\u00e4doyer aus dem NSU-Prozess vom 21. Dezember 2017<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--running wp-block-paragraph\">Mein Vater lebte bereits 29 Jahre in Deutschland, als diese Tat passierte. Ein junger Mann, der aufgrund seiner guten schulischen Leistungen ein Stipendium f\u00fcr ein Studium in Deutschland erhielt und so 1972 an der Universit\u00e4t Erlangen das Studieren begann. Ein Mann, der seine gesamte Jugend hier in Deutschland verbracht und viele deutsche Freunde hatte, ein Mann, der mit der deutschen Kultur und ihren Menschen zusammengeschmolzen war.<br><br>Dieser Mann, mein geliebter Vater, wurde in einem 1.-Welt-Land, in dem \u00f6konomisch und technisch hochentwickelten modernen Deutschland, am Tageslicht kaltbl\u00fctig, brutal und auf professionelle Weise ermordet. Von M\u00f6rdern, die ihre eigene Unf\u00e4higkeit, dem Leben etwas Positives abzugewinnen, auf unschuldige Menschen \u00fcbertragen haben, von sinnlosem Hass und Minderwertigkeitskomplexen getrieben. Sie haben den Weg der Charakterschwachen gew\u00e4hlt und somit auch g\u00e4nzlich ihr eigenes Leben verbaut. Mein Vater wurde Opfer von Hass und Gewalt, Opfer von Verharmlosung rechter Gewalt.\u201d<br><br>Ich empfinde Verachtung, Wut und Ekel f\u00fcr die T\u00e4ter. Unschuldige Menschen wurden regelrecht hingerichtet. Deshalb k\u00f6nnen sich alle T\u00e4ter Heucheleien wie Entschuldigungsversuche sparen. Die Menschen sind nicht dumm. Die Familien wurden emotional, finanziell und gesellschaftlich ruiniert. Viele Angeh\u00f6rige k\u00e4mpfen bis heute noch mit den Folgen dieser Taten und vor allem: Diese Taten waren nicht nur ein Angriff auf die Opfer selbst, sondern auch auf das, was 98 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen glauben. Sie waren ein Angriff auf die demokratischen Grundwerte Deutschlands, ein Angriff auf die Menschenw\u00fcrde, ein Angriff auf das friedliche Miteinander, ein Angriff auf Deutschland selbst.<br><br>Das Ziel, die Gesellschaft auseinanderzudividieren, das haben sie allerdings deutlich verfehlt. Und sie haben es auch nicht geschafft, Menschen wie mich aus diesem Land herauszuekeln. Im Gegenteil, jetzt sind wir alle, sowohl Deutsche als auch ausl\u00e4ndische Mitb\u00fcrger, die in diesem Land ihre Lebenszeit verbringen, sensibilisierter denn je. Es ist mein Heimatland. Ich bin eine deutsche junge Frau mit ausl\u00e4ndischen Wurzeln, die in diesem Land geboren ist, und fremd f\u00fchlt sich hier schon l\u00e4ngst niemand mehr. Wir sind die Jugend, die Gesellschaft, die den Weg der Charakterstarken w\u00e4hlten, und bem\u00fchen uns, f\u00fcr Menschen und dieses Land n\u00fctzlich zu sein, anstatt durch Hass und primitive Gef\u00fchle uns lenken zu lassen. Ich sage ganz deutlich: Es ist wichtiger denn je, die Augen vor Tatsachen nicht mehr zu verschlie\u00dfen. Das am Ende dieser Verhandlung erlassene Urteil f\u00fcr die einzelnen T\u00e4ter und der Umgang mit dieser gesamten Situation sollten wichtige Zeichen f\u00fcr unsere Gesellschaft setzen. Ich erwarte, ja, ich fordere als eine betroffene Angeh\u00f6rige das H\u00f6chstma\u00df an Strafe f\u00fcr alle T\u00e4ter. Ich erwarte, dass Ihr Urteil ein klares Zeichen f\u00fcr das Miteinander dieser Gesellschaft setzt und nicht f\u00fcr das Nebeneinander.<br><br>Es ist ein Schatten auf Deutschland gefallen. Es ist die Aufgabe von allen zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden und Institutionen, diesen Schatten wegzuwischen und den Familien inneren Frieden zu schenken. Leider bin ich auch, wie die anderen Opferangeh\u00f6rigen, der Meinung, dass dies nicht ausreichend geschehen ist. Die l\u00fcckenlose Aufkl\u00e4rung der Hintergr\u00fcnde wurde nicht wie versprochen erf\u00fcllt.<br><br>Es war auch gesellschaftlich eine wichtige Chance gewesen, um gef\u00e4hrliche Strukturen zu unterbinden und auch das hinterlassene negative Bild in der \u00d6ffentlichkeit zu korrigieren. Vor allem in diesem Punkt richten sich meine Worte nicht nur an die Gerichtsverhandlung, sondern auch an alle zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden und Institutionen. Dies ist eine ernstzunehmende Verantwortung von allen und darf nicht missachtet werden.<br><br>Ich meine, dass das Gewissen ein guter Wegweiser ist. Wir haben gut genug und deutlich mitbekommen, was Verdr\u00e4ngung und Verharmlosung der Tatsachen f\u00fcr Folgen hat. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter fliegt alles auf, und am Ende schadet es den ganzen Institutionen und Beh\u00f6rden und ganz Deutschland, denn sie verlieren das Vertrauen der Menschen in Deutschland. Und Vertrauen ist das, was einem Land Stabilit\u00e4t verleiht. Ich bedanke mich f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit.<\/p>\n\n\n        <\/div>\n    <\/div>\n<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n<div id=\"wp-blocks-background-container\">\n    \n\n<div class=\"container px-2 md:px-0 py-7 md:py-8 bg-black text-white grid-6 md:grid-16 relative shadow--bottom\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4 relative\">\n        \n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pl\u00e4doyer vom 10. Januar 2018<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Abdul Kerim \u015eim\u015fek <\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sohn von Enver \u015eim\u015fek, dem ersten Mordopfer des NSU.   <\/p>\n\n\n    <\/div>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"container grid-6 md:grid-16 px-2 md:px-0 bg-white md:border-l-2 md:border-r-2 border-black\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4\">\n        <div class=\"z-50 sticky\" style=\"top: 50px\">\n            <button type=\"button\" class=\"wp-block-button bg-white text-black readmore-button\" style=\"transform:translateY(-50%)\">\n                Mehr lesen\n            <\/button>\n        <\/div>\n        <div class=\"py-5 md:pt-6 md:pb-8\" style=\"display: none\">\n            \n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hoher Senat, mein Name ist Abdul Kerim \u015eim\u015fek Ich bin der Sohn von Enver \u015eim\u015fek. Ich war 13 Jahre alt, als mein Vater umgebracht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich kann mich sehr gut an den 9. September 2000 erinnern. Ich befand mich damals im Internat in Saarbr\u00fccken. Am 10. September 2000 um sechs Uhr morgens weckte mich mein Lehrer und sagte, dass ich mit dem Zug nach N\u00fcrnberg fahren m\u00fcsse und dort von Verwandten abgeholt werde. Ich hatte ein mulmiges Gef\u00fchl, rief zu Hause an, aber erreichte niemanden. Ich wurde am Bahnhof von meinem Onkel abgeholt und er sagte, dass mein Vater im Krankenhaus sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich vor dem Krankenhaus ankam, sah ich viele Verwandte und meine Mutter, die geweint hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich auf sie zuging, merkte ich, dass sie nicht ansprechbar war, und meine Schwester war bei ihr. Ich sp\u00fcrte, dass etwas Furchtbares passiert war. Ich fragte gleich nach meinem Vater. Niemand sagte mir etwas N\u00e4heres, nur dass er auf der Intensivstation lag. Ich durfte meinen Vater stundenlang nicht sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als wir, meine Mutter, meine Schwester und ich, endlich zu ihm durften, war das ein schrecklicher Anblick. Ich bemerkte als Erstes, dass sein linkes Auge zerfetzt war. Je n\u00e4her ich mich ihm n\u00e4herte, bemerkte ich drei blutverschmierte L\u00f6cher in seinem Gesicht und weitere an seiner Brust.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Automatisch hatte ich diese gez\u00e4hlt. Ich glaube, ich hatte damals sechs L\u00f6cher gez\u00e4hlt. Ich werde das nie vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mir war klar, dass mein Vater nicht mehr derselbe sein w\u00fcrde und er trotz Hoffnung wahrscheinlich sterben wird. Meine Mutter hat die Hand meines Vaters gehalten, fiel heulend auf die Knie und ist zusammengebrochen. Auf einmal fingen die an meinem Vater angeschlossenen Maschinen an zu piepen. Die Krankenschwester eilte herbei und dr\u00e4ngte uns raus. Das war das letzte Mal, dass ich meinen Vater lebend gesehen habe. Wir warteten den ganzen Tag im Krankenhaus und meine Mutter war nicht ansprechbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dadurch, dass mein Vater noch lebte, hatten wir Angst, weil wir dachten, dass die T\u00e4ter noch mal kommen w\u00fcrden, um die Tat zu Ende zu bringen. Ich wollte nicht weg. Ich wollte meinen Vater sch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Irgendwann kam der Arzt zu meiner Schwester und mir und sagte, dass die \u00dcberlebenschancen sehr gering seien. Mein Vater starb am n\u00e4chsten Tag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir brachten den Leichnam meines Vaters in die T\u00fcrkei, um ihn zu beerdigen. Als Sohn hatte ich die Pflicht, meinen Vater zu Grabe zu tragen. Ich musste ihn mit anderen Verwandten ins Grab legen. Bei uns gibt es keinen Sarg, sondern nur ein wei\u00dfes Leinentuch, wo der Verstorbene eingewickelt wird. Beim Niederlegen meines Vaters bemerkte ich, dass sich das Leinentuch am Hinterkopf, wo die Schussverletzung war, rot verf\u00e4rbte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht geweint. Als ich die Erde auf ihn sch\u00fcttete, konnte ich nicht mehr. In dem Augenblick hatte ich verstanden, dass ich meinen Vater nie wieder sehen werde. Zur\u00fcck in Deutschland war nichts mehr so wie fr\u00fcher. Meine Mutter hat immer geweint und hatte, wie wir heute wissen, schwere Depressionen, sie konnte sich nicht um mich und meine Schwester k\u00fcmmern. Mein Vater war ein sehr geselliger Mensch, der in seiner Freizeit viel mit uns unternommen hat. Mit seinem Tod h\u00f6rte unser gesellschaftliches Leben auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die finanziellen Mittel waren nach dem Tod meines Vaters sehr eingeschr\u00e4nkt und ich versuchte, meiner Mutter nicht mehr zur Last zu fallen. Ich habe nie meine Gef\u00fchle gezeigt und es f\u00e4llt mir auch jetzt sehr schwer, dies alles zu sagen, w\u00e4hrend meine Mutter heute da ist. Aber ich war ja damals selbst noch ein Kind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis zur Aufdeckung des NSU habe ich niemandem erz\u00e4hlt, dass mein Vater umgebracht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl ich sicher war, dass mein Vater kein Krimineller war, habe ich versucht, die Ermordung meines Vaters geheim zu halten. Es klingt absurd, aber ich war erleichtert, als ich h\u00f6rte, dass mein Vater von Nazis umgebracht wurde und so seine Unschuld bewiesen wurde. Die Heimlichtuerei konnte endlich aufh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin heute selbst Vater einer zweij\u00e4hrigen Tochter. Und heute ist mir klar, dass er nicht nur mir und meiner Schwester, sondern auch meinem Kind weggenommen wurde. Ihr werde ich, wenn die Zeit kommt, erz\u00e4hlen m\u00fcssen, dass ihr Opa nur aufgrund seiner Herkunft von Nazis umgebracht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gab viele Augenblicke in meinem Leben, in denen ich meinen Vater sehr vermisst und gebraucht habe. Mein Vater w\u00e4re heute 56 Jahre alt. Wir k\u00f6nnten noch so vieles teilen und unternehmen. Dies alles wurde uns genommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch ich h\u00e4tte viele Fragen an die Angeklagten gehabt. Warum mein Vater? Wie krank ist es, einen Menschen nur aufgrund seiner Herkunft oder Hautfarbe mit acht Sch\u00fcssen zu t\u00f6ten? Was hat mein Vater Ihnen getan? K\u00f6nnen Sie \u00fcberhaupt verstehen, was es f\u00fcr uns hei\u00dft, dass er nur deswegen ermordet wurde, weil er ein T\u00fcrke ist? K\u00f6nnen Sie verstehen, was es f\u00fcr uns hei\u00dft, im Bekennervideo den Vater blutend auf dem Boden zu sehen und zu wissen, dass er dort stundenlang hilflos lag?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenigstens einer der Angeklagten hat hier umfassende Angaben gemacht und sich aus meiner Sicht aufrichtig entschuldigt. Herr Schultze, wir nehmen Ihre Entschuldigung an.<\/p>\n\n\n        <\/div>\n    <\/div>\n<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n<div id=\"wp-blocks-background-container\">\n    \n\n<div class=\"container px-2 md:px-0 py-7 md:py-8 bg-black text-white grid-6 md:grid-16 relative shadow--bottom\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4 relative\">\n        \n\n<p class=\"is-style-text--medium wp-block-paragraph\">Pl\u00e4doyer vom 28. November 2017<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Arif S.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Solange die wahren T\u00e4ter nicht gefasst worden sind, werden meine \u00c4ngste weiterbestehen<\/p>\n\n\n    <\/div>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"container grid-6 md:grid-16 px-2 md:px-0 bg-white md:border-l-2 md:border-r-2 border-black\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4\">\n        <div class=\"z-50 sticky\" style=\"top: 50px\">\n            <button type=\"button\" class=\"wp-block-button bg-white text-black readmore-button\" style=\"transform:translateY(-50%)\">\n                Mehr lesen\n            <\/button>\n        <\/div>\n        <div class=\"py-5 md:pt-6 md:pb-8\" style=\"display: none\">\n            \n\n<p class=\"is-style-text--running wp-block-paragraph\">Sehr geehrter Herr Richter,<br><br>ich m\u00f6chte meine Rede mit folgenden Worten anfangen: Als erstes w\u00fcnsche ich allen im Saal au\u00dfer dieser M\u00f6rderin, ihren Unterst\u00fctzern und Verteidigern, also Anw\u00e4lten, einen guten Morgen.<br><br>Wir wussten, dass an dem Tag, an dem die Bombe geworfen wurde, der Umstand, dass sowohl die Polizei als auch die Krankenwagen zu sp\u00e4t kamen, darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren war, dass in unserer Stra\u00dfe Ausl\u00e4nder die Mehrheit darstellten. Dazu noch die Worte des damaligen Innenministers, es sei kein Terroranschlag gewesen, dies entt\u00e4uschte uns alle, die Betroffenen in unserer Stra\u00dfe.<br><br>Dass nach der Bombe weder der B\u00fcrgermeister noch ein hochrangiger Polizist noch irgendein sozialer Dienst kam, dass die Stra\u00dfe und die Betroffenen sich selbst \u00fcberlassen wurden, f\u00fchrte uns vor Augen, wie stark der Rassismus in diesem Land geworden war.<br><br>Die Keupstra\u00dfe ist eine Stra\u00dfe in K\u00f6ln, sie ist ein Ort, der zu K\u00f6ln geh\u00f6rt, eine Stra\u00dfe dieses Staates. Und aus diesem Grund hat der Staat sich um uns zu k\u00fcmmern. Wir zweifeln an der Justiz, an Gerechtigkeit und an Gleichheit, an der Demokratie eines Staates, der sich nicht um uns k\u00fcmmert.<br><br>Es ist unfassbar, dass die Zivilpolizisten beim Verh\u00f6r die Ereignisse absichtlich in eine andere Richtung lenkten und uns verd\u00e4chtigten. Die barschen Gesichtsausdr\u00fccke der Polizisten, ihr unmenschliches Verhalten passten \u00fcberhaupt nicht zu Polizisten dieses Landes. Den Polizisten, die st\u00e4ndig die gleichen Fragen stellten, sagte ich, dass ich wusste, wer die T\u00e4ter waren. Und der Polizist fragte mich, wer sie waren. Ich sagte, dass die T\u00e4ter Neonazis waren. Der Gesichtsausdruck des Polizisten ver\u00e4nderte sich und er sagte mir \u201ePscht!\u201c Er \u00e4nderte seinen Gesichtsausdruck und sagte mir, dass ich schweigen sollte, indem er seinen Zeigefinger zu seinem Mund f\u00fchrte und \u201ePscht\u201c sagte. Und ich sprach nie wieder.<br><br>Danach wurde ich viereinhalb bis f\u00fcnf Monate lang von meinem Laden bis in meine Wohnung verfolgt.<br><br>Dieser psychische Druck ruinierte mein Leben. Ich konnte es meiner Frau nicht sagen. Mein Sohn war damals drei Jahre alt, ich konnte mich nicht mehr um ihn k\u00fcmmern. Ich konnte nicht mehr mit meiner Frau sprechen. Ich war wie ein Geist in unserer Wohnung und zog mich aus meinen sozialen Aktivit\u00e4ten zur\u00fcck. Es gab zahllose Tage, an denen ich nachts im Bett schreiend aufwachte. W\u00e4hrend alle schliefen, konnte ich um Mitternacht nicht einschlafen. Manchmal ging ich hinaus und lief eine halbe oder ganze Stunde in den Stra\u00dfen herum. Ich fing an, unter Panikattacken zu leiden, und bekam es mit Flugangst zu tun. \u00dcberall, wo ich hingehe, spaziere, herumlaufe, bin ich immer noch in Furcht. Denn solange die wahren T\u00e4ter nicht gefasst und der Justiz \u00fcbergeben worden sind, werden meine \u00c4ngste weiterbestehen. Solange der Staat ihnen Toleranz entgegenbringt, werden sie ungest\u00f6rt tun und lassen, was sie wollen.<br><br>F\u00fcr mich sind alle, die in ihren Organisationsstrukturen sind, schuldig und sollten bestraft werden.<br><br>Hochachtungsvoll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">aus: Antonia von der Behrens (Hrsg.),<em>&nbsp;Kein Schlussswort. Nazi-Terror. Sicherheitsbeh\u00f6rden. Unterst\u00fctzernetzwerk,&nbsp;<\/em>VSA: Verlag, Hamburg 2018<\/p>\n\n\n        <\/div>\n    <\/div>\n<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n<div id=\"wp-blocks-background-container\">\n    \n\n<div class=\"container px-2 md:px-0 py-7 md:py-8 bg-black text-white grid-6 md:grid-16 relative shadow--bottom\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4 relative\">\n        \n\n<p class=\"is-style-text--medium wp-block-paragraph\"><br>Schwester von S\u00fcleyman Ta\u015fk\u00f6pr\u00fc<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ay\u015fen Ta\u015fk\u00f6pr\u00fc<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Lasst uns einfach in Ruhe<\/p>\n\n\n    <\/div>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"container grid-6 md:grid-16 px-2 md:px-0 bg-white md:border-l-2 md:border-r-2 border-black\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4\">\n        <div class=\"z-50 sticky\" style=\"top: 50px\">\n            <button type=\"button\" class=\"wp-block-button bg-white text-black readmore-button\" style=\"transform:translateY(-50%)\">\n                Mehr lesen\n            <\/button>\n        <\/div>\n        <div class=\"py-5 md:pt-6 md:pb-8\" style=\"display: none\">\n            \n\n<p class=\"is-style-text--running wp-block-paragraph\">Einen Stern hatte ich meinem Bruder S\u00fcleyman versprochen. Einen Stern, wie er ihn in Hollywood auf dem Walk of Fame gesehen hatte f\u00fcr Filmstar Sylvester Stallone. Dem sah er \u00e4hnlich und darauf war er stolz. Damals haben wir im Wohnzimmer herumgealbert. Er sagte: \u201eWenn Du vor mir stirbst, lasse ich auf deinen Grabstein schreiben: \u201eEhrlich gestorben und Klugschei\u00dfer\u201c\u201c. Ich habe geantwortet: \u201eWenn Du vor mir stirbst, kriegst Du deinen Stern.\u201c Nun ist dieser Stern f\u00fcr S\u00fcleyman im B\u00fcrgersteig eingelassen, direkt vor unserem ehemaligen Gem\u00fcsegesch\u00e4ft, in dem er ermordet wurde. Nie h\u00e4tte ich gedacht, dass ich mein Versprechen auf so traurige Weise einhalten m\u00fcsste.<br><br>Mein Bruder S\u00fcleyman war f\u00fcnf Jahre \u00e4lter als ich, aber ich war immer seine \u201egro\u00dfe Schwester\u201c. Er hat mich stets angerufen, wenn er Probleme hatte. Die sch\u00f6nste Erinnerung an ihn ist, dass er meiner Schwester Aynur und mir immer Riesenkartons mit S\u00fc\u00dfigkeiten geschickt hat \u2013 Torten aus Marshmallows und andere Leckereien. Mein ganzes Zimmer war voll mit diesen Dingern. Unserer Mama hat er immer Blumen geschickt. Sie war eine ganz besondere Bezugsperson f\u00fcr ihn.<br><br>S\u00fcleyman ist sehr fr\u00fch von zu Hause ausgezogen. Er hat schon fr\u00fch sein eigenes Leben gelebt \u2013 ohne uns und unsere Familie. Es war nicht immer einfach mit ihm. Er war sehr stur und zielstrebig; hat alles daran gesetzt, das zu erreichen, was er wollte. Wenn es um seine Ziele ging, konnte er manchmal sehr dickk\u00f6pfig sein. Erst nach der Geburt seiner Tochter Aylin ist er wieder zu uns zur\u00fcckgekommen und in unsere N\u00e4he gezogen. Die kleine Aylin hat ihm sehr viel bedeutet. Er hat sie \u00fcberall mit hingenommen. Ganz Altona kannte sie, sie war st\u00e4ndig auf seinem Arm. Er hat auf sie aufgepasst, ist immer hinter ihr hergelaufen. Sie war seine kleine Prinzessin. Dass er eine Tochter hatte, hat sein Leben und seine Einstellungen total ver\u00e4ndert. Er wollte zeigen, dass er bereit ist, Verantwortung zu \u00fcbernehmen.<br><br>Er wollte mit in unser Gem\u00fcsegesch\u00e4ft einsteigen. Wenige Monate bevor er ermordet wurde, habe ich ihm deshalb den Laden auf Probe \u00fcbergeben und er hatte gro\u00dfe Pl\u00e4ne damit. Er wollte das Gesch\u00e4ft erweitern, zus\u00e4tzlich zum Gem\u00fcse &#8211; einen Weinladen aufmachen. Er hat mit dem Gro\u00dfmarkt verhandelt, dass er mehr Ware bekommt und wir die nicht mehr vorab zahlen m\u00fcssen. Die ganzen Regale hat er umgestellt, die Waren aufgef\u00fcllt. Er ist richtig aufgebl\u00fcht \u2013 so sehr, dass ich dachte: Nun wird er \u00fcberheblich. Er hat uns andere weggeschickt, selbst unsere Mutter, die bisher hinten im Laden immer die Brote gemacht hatte. Nur mein Vater sollte ihm noch helfen. Er wollte beweisen, dass er es alleine schafft. Und dann haben seine M\u00f6rder all diese Zukunftspl\u00e4ne zerst\u00f6rt.<br><br>Nach seinem Tod begann die Polizei sofort mit ihren Verd\u00e4chtigungen. Die richteten sich besonders gegen meinen Vater. Immer und immer wieder wurde ich gefragt: \u201eHatten die beiden Streit?\u201c Ich habe nur gedacht: Die w\u00fcrden doch nicht zusammenarbeiten, wenn sie Konflikte miteinander h\u00e4tten, mein Vater und mein Bruder. Meist waren es Fragen nach Schulden, Drogen, oder der Mafia. Und immer wieder kam dieses \u201eHattet Ihr Streit? Ist das euer Ehrenkodex?\u201c Nach dem Motto: Bei den T\u00fcrken sei es ja \u00fcblich, dass man sich gegenseitig umbringt. Ich konnte noch so oft betonen: \u201eBei uns ist das keineswegs \u00fcblich! Davon distanzieren wir uns. Meine Eltern, meine Geschwister und ich. Daf\u00fcr sind wir doch viel zu multikulti.\u201c<br><br>Irgendwann merkte ich dann, dass all diese Verd\u00e4chtigungen der Polizei auf mich abf\u00e4rbten. Ich fing selbst an, herumzuspinnen. Heimlich gr\u00fcbelte ich: \u201eBruder, was hast Du blo\u00df angestellt, dass dir das widerfahren ist?\u201c &nbsp;Selbst meinen Ex-Mann fragte ich: \u201eWaren da irgendwelche Leute hinter Dir her und haben meinen Bruder f\u00fcr dich gehalten?\u201c Im Nachhinein war das f\u00fcr mich das Schlimmste \u2013 dass ich all die falschen Verd\u00e4chtigungen selbst \u00fcbernommen habe.<br><br>\u00adAuf unsere eigenen Hinweise ist die Polizei nie eingegangen.&nbsp;Ich habe den Beamten mehrfach erkl\u00e4rt, dass kurz vor S\u00fcleymans Tod zwei M\u00e4nner mit Anz\u00fcgen und Glatzen, die wie Zivilpolizisten oder Bodyguards aussahen, immer wieder an unserem Laden vorbeigefahren sind. Mit einem dunklen Wagen. Ich habe meinen Bruder damals gefragt: \u201eHabt Ihr irgendetwas angestellt? Sind das Zivilpolizisten? Warum fahren die immer wieder hier vorbei?\u201c Er hat nur geantwortet: \u201eWas redest Du f\u00fcr einen Schei\u00df, Ay\u015fen.\u201c Die Ermittler haben sp\u00e4ter lediglich beteuert, dass das keine Zivilpolizisten waren.<br><br>Statt meinen Hinweisen nachzugehen, hat man mir bei der Polizei Fotos von Menschen aus Altona gezeigt, die ich vom Sehen kannte. Immer waren es ausl\u00e4ndische Leute. Zugleich haben sie mir sehr pers\u00f6nliche Fragen gestellt, die ich nie vergessen werde: Warum ich noch den Namen meines Ex-Mannes tr\u00fcge? Da habe ich den Beamten nur angeguckt: \u201eWas bittesch\u00f6n hat das mit dem Tod meines Bruders zu tun? Haben Sie vielleicht tausend Euro f\u00fcr mich, damit ich die t\u00fcrkische Scheidung bezahlen kann?\u201c Dann hat man mich gefragt, warum mein Ex-Mann nichts von einem ehemaligen Konto von mir w\u00fcsste. Aber das hatte ich angelegt, lange bevor wir uns kannten. \u00dcberhaupt diese immer wiederkehrende Frage nach dem \u201eganz gro\u00dfen Geld\u201c. \u201eWas f\u00fcr gro\u00dfes Geld?\u201c, habe ich die Beamten gefragt. Mit den 400 bis 500 Euro Umsatz, die der Laden am Tag abwarf, sind wir neue Ware und unser Essen einkaufen gegangen.<br><br>Zu den Verd\u00e4chtigungen der Polizei kamen die aus dem Umfeld. Leute aus Altona, die vorher jeden Tag im Laden gesessen hatten, sagten pl\u00f6tzlich schlimme Sachen zu meinen Eltern: \u201eEuer Sohn war ja sowieso ein B\u00f6ser. Wer wei\u00df, was er angestellt hat? Vielleicht hatte er was mit der Mafia oder Drogen zu tun.\u201c Andere Bekannte kamen einfach gar nicht mehr zu uns. Meine Eltern haben sich nicht dagegen gewehrt. Sie haben das \u00fcber sich ergehen lassen.<br><br>Nat\u00fcrlich haben wir viel gegr\u00fcbelt, wer die T\u00e4ter sein k\u00f6nnten. Aber es kam dabei nie etwas heraus. Ich selbst habe mich durch die Fragen der Polizei beeinflussen lassen. Mein Vater war viel im t\u00fcrkischen Caf\u00e9, und da soll er angeblich Streit mit irgendwelchen Kurden gehabt haben, die eine Zeitschrift der PKK verkaufen wollten. Angeblich hat sich mit Bruder dann mit denen angelegt und sie gewarnt, sie sollten meinen Vater in Ruhe lassen. Ich wei\u00df nicht, was wirklich in dem Caf\u00e9 passiert ist. Alle Verd\u00e4chtigungen stammten ja nur von der Polizei \u2013 und dann, im November 2011, war pl\u00f6tzlich sowieso alles anders.&nbsp;<br><br>Als vor drei Jahren klar wurde, wer hinter dem Mord an meinem Bruder steckte, war das f\u00fcr meine Eltern \u2013 so wie es auch die meisten Familien der Opfer sagen \u2013 eine Erleichterung. Ich hingegen habe eher das Gef\u00fchl, dass mein Leben seitdem deutlich eingeschr\u00e4nkter ist. Zu erfahren, dass T\u00e4ter Rechtsradikale waren, hat mich v\u00f6llig schockiert. Damit habe ich ganz und gar nicht gerechnet. Wir sind doch gut integriert hier! Dass Nazis im Hintergrund so aktiv sind, hatte ich bis 2011 nie wahrgenommen. Die Tatsache w\u00fchlt mich bis heute auf.<br><br>Ich kann einfach nicht nachvollziehen, dass diese Nazis geduldet werden und der Staat dar\u00fcber hinwegschaut. Das macht mir Angst. Aber so wie es eine \u00dcberlebende des K\u00f6lner Nagelbombenanschlags formuliert hat, sage auch ich: \u201eDie kriegen mich hier nicht weg.\u201c<br><br>Nat\u00fcrlich wusste ich, dass es Rassismus gibt in Deutschland, aber ich habe mich nicht pers\u00f6nlich angegriffen gef\u00fchlt. Es hat mich nicht w\u00fctend gemacht. Jetzt ist jede Bemerkung gegen \u201edie Ausl\u00e4nder\u201c f\u00fcr mich ein pers\u00f6nlicher Angriff. Da l\u00e4uft in meinem Kopf immer gleich das NSU-Video mit den Fotos meines erschossenen Bruders ab. Dagegen bin ich machtlos.<br><br>Auch mein Verh\u00e4ltnis zu den Menschen auf der Stra\u00dfe hat sich seitdem ver\u00e4ndert. Ich habe eine Abneigung gegen\u00fcber bestimmten Typen entwickelt, die allein von der Optik her den Angeklagten im NSU-Prozess \u00e4hnlich sehen. Am liebsten w\u00fcrde ich diese Menschen ausblenden, aber das geht nicht. Ich verbinde ihren Anblick, ohne es zu wollen, mit diesen Nazi-Leuten.<br><br>Vor 2011 hat das Geschehen nicht so geschmerzt, wie es zurzeit der Fall ist. Damals konnten wir uns S\u00fcleymans Tod nicht erkl\u00e4ren. Jetzt wissen wir, wer hinter den Morden steckt. Und das l\u00f6st gro\u00dfe Angst uns Panik in uns aus. Wir wissen ja nicht, ob so etwas nicht wieder geschehen kann. Innerhalb der Familie rufen wir uns deshalb seitdem st\u00e4ndig an, um zu h\u00f6ren, ob alles in Ordnung ist. Das ist richtig schlimm. Bevor das NSU-Trio aufflog, konnte ich auf die Frage \u201eIst da was rausgekommen, bei der Sache mit deinem Bruder?\u201c immer \u201eNein\u201c antworten und einfach weitergehen. Heute werde ich \u00fcber die Fragen nach meinem Bruder nur noch w\u00fctend und antworte: \u201eLiest Du keine Zeitung?\u201c<br><br>Auf jeden Fall konnte ich damals mit dem Geschehenen besser leben als mit dem, was heute ist. Heute m\u00fcssen wir uns st\u00e4ndig wieder mit der Sache besch\u00e4ftigen. \u00dcberall wird man als Person im Zusammenhang mit dem Thema NSU gesehen. Das schr\u00e4nkt einen sehr ein. Und st\u00e4ndig fragt man sich, warum das passieren konnte. Anders als bei einem Menschen, der vielleicht durch eine schwere Krankheit oder einen Unfall ums Leben gekommen ist, kann ich meinen Bruder einfach nicht loslassen. Dabei w\u00e4re es so wichtig, dass wir jetzt endlich Ruhe finden. Um das zu schaffen, ist es f\u00fcr mich entscheidend, dass wirklich alle, die an den Taten beteiligt waren, zur Rechenschaft gezogen werden: nicht nur die Angeklagten, die in M\u00fcnchen vor Gericht stehen. Manchmal kommt mir das, was sich da abspielt, wie ein Pro-Forma-Prozess vor, wie ein Theaterst\u00fcck. Vielleicht liegt es daran, dass ich solche Gerichtsverfahren nicht kenne. Aber auf mich wirkt das so wenig real. Ich f\u00fcrchte, am Ende wird auch nicht viel herauskommen. Jedenfalls nicht das, was man sich w\u00fcnscht, n\u00e4mlich dass wirklich alle verurteilt werden, die da mit drinh\u00e4ngen. Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass es nur diejenigen waren, die da jetzt auf der Anklagebank sitzen.<br><br>Dennoch ist es wichtig, dass viele Leute diesen Prozess beobachten. Ich selbst w\u00e4re auch gern durchgehend vor Ort, wenn M\u00fcnchen nicht so weit weg w\u00e4re von Hamburg. Schade, dass die Taten nicht separat an den Orten verhandelt werden, wo sie geschehen sind.&nbsp; &nbsp;&nbsp;<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br>Eine weitere bittere Erfahrung ist, dass wir uns von der Politik nicht ausreichend unterst\u00fctzt f\u00fchlen. Bundeskanzlerin Merkel hat ihr Versprechen, die Hintergr\u00fcnde der Taten l\u00fcckenlos aufzukl\u00e4ren, nicht gehalten. L\u00fcckenlose Aufkl\u00e4rung bedeutet f\u00fcr mich: Freigabe aller Akten. Doch alle Antr\u00e4ge dazu vonseiten der Anw\u00e4lte wurden abgelehnt. Auch die Forderung nach einem Untersuchungsausschuss in Hamburg wurde abgeschmettert. Dabei w\u00fcsste ich gern genau, was hier in Hamburg bei den Ermittlungen schiefgelaufen ist. Das hat f\u00fcr mich h\u00f6chste Priorit\u00e4t.<br><br>Weil die Politik ihr Versprechen nach l\u00fcckenloser Aufkl\u00e4rung nicht wirklich einh\u00e4lt, werde ich auch weiterhin Einladungen des Bundespr\u00e4sidenten oder anderer hochrangiger Politiker ablehnen. Frau Merkel oder Herr Gauck k\u00f6nnen zwar nichts f\u00fcr das, was geschehen ist. Aber als Politiker k\u00f6nnten sie doch vieles lenken und in die Wege leiten. In puncto Aufkl\u00e4rung haben sie jedoch bisher nicht genug getan. Und solange das so ist, gibt es auch nichts, was wir miteinander zu besprechen h\u00e4tten oder was sie f\u00fcr mich tun k\u00f6nnten. Ich will Aufkl\u00e4rung, nicht Beileid.<br><br>Ich m\u00f6chte die Erinnerung an meinen Bruder wachhalten, denn so langsam tritt das Geschehen wieder in den Hintergrund. 2011 haben sich die Medien um die Berichterstattung gerissen. Jetzt merke ich, dass die Taten des NSU nur noch nebenbei erw\u00e4hnt werden. Wenn \u00fcberhaupt, dann wird \u00fcber die Frisur und die Person von Beate Zsch\u00e4pe berichtet. Ich m\u00f6chte aber, dass sich die Medien mit der Sache auseinandersetzen \u2013 mit dem, was da wirklich geschehen ist.<br><br>Statt uns Opfer-Familien nach unseren Gef\u00fchlen zu befragen, sollten die Journalisten lieber mal die Deutschen fragen: Warum tut Ihr euch so schwer mit Menschen unterschiedlicher Nationalit\u00e4t oder Hautfarbe? Warum habt Ihr nicht die Toleranz, euch vielleicht auch selbst so zu ver\u00e4ndern, dass Menschen sich hier integrieren k\u00f6nnen? Denn integrieren kann man sich nur, wenn die andere Seite dies auch zul\u00e4sst. Und warum ist es so schwer, den Mythos vom \u201eAusl\u00e4nder\u201c hinter sich zu lassen und sich selbst die Erfahrung mit Einwanderern zuzutrauen? Warum lernen wir nicht, dass jeder Mensch eine Pers\u00f6nlichkeit f\u00fcr sich ist, egal welche Nationalit\u00e4t er oder sie hat?<br><br>All diese Fragen w\u00fchlen mich auf. Vor 2011, vor der Aufdeckung des NSU, habe ich mir wenig Gedanken \u00fcber das Zusammenleben in Deutschland gemacht. Seitdem bin ich sensibler geworden. Das macht das Leben nicht einfacher. Einerseits w\u00fcnsche ich mir, dass die Erinnerung an meinen Bruder und die anderen Opfer nicht verblasst. Aber gleichzeitig m\u00f6chte ich, dass die Medien akzeptieren, dass wir als Familienangeh\u00f6rige nicht st\u00e4ndig mit dem Geschehenen konfrontiert werden wollen. Wir verfolgen sehr genau, was in dem Prozess in M\u00fcnchen und in der Politik passiert, aber wir tun das auf unsere Weise. Wir sind nicht desinteressiert. Wir wollen nur einfach unser Leben nicht immer wieder davon bestimmen lassen. Man sollte deshalb unseren Wunsch respektieren, nicht \u00f6ffentlich zu sprechen. Aber insbesondere unsere Eltern werden st\u00e4ndig zu irgendetwas gen\u00f6tigt. Ich m\u00f6chte auch nicht, dass man uns mit Veranstaltungen oder Anrufen st\u00e4ndig an das Geschehene erinnert. Man soll uns einfach in Ruhe lassen. Wenn wir irgendetwas brauchen oder wollen, organisieren wir das schon selbst.<br><br>Alle in unserer Familie sind durch die Tat, die Folgen und die Berichterstattung gesundheitlich kaputtgegangen. F\u00fcr mich selbst w\u00fcnsche ich mir nur, dass ich wieder am Leben teilnehmen kann. Dass ich im Alltag funktionieren kann. Gesund funktionieren kann. Vor allem aber w\u00fcnsche ich mir, dass ich wieder Freude am Leben finde. Doch zurzeit haben wir keinen Alltag mehr. Es geht emotional immer rauf und runter. Wir sind sensibler, ersch\u00f6pfter und durchgehend verletzlicher geworden \u2013 vor allem meine Eltern. Als im Juni 2014 in Hamburg bei einer Gedenkfeier die Stra\u00dfe \u201eKohlentwiete\u201c in \u201eTa\u015fk\u00f6pr\u00fcstra\u00dfe\u201c umbenannt wurde, war das nervlich einfach zu viel f\u00fcr sie. F\u00fcr mich hat diese Umbenennung keine gro\u00dfe Bedeutung. Was sind schon 300 Meter in irgendeiner Seitenstra\u00dfe f\u00fcr das Gedenken an einen Menschen? Ich h\u00e4tte mir gew\u00fcnscht, dass die gesamte Sch\u00fctzenstra\u00dfe, dort wo der Mord passierte, nach meinem Bruder benannt worden w\u00e4re. F\u00fcr mich ist es deshalb wichtig, dass jetzt S\u00fcleymans Stern dort platziert ist \u2013 der Stern, den ich ihm zu Lebzeiten versprochen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">aus: Barbara John (Hrsg.), <em>Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen. Was der NSU-Terror f\u00fcr die Opfer und Angeh\u00f6rigen bedeutet<\/em>, HERDER, 2014<\/p>\n\n\n        <\/div>\n    <\/div>\n<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n<div id=\"wp-blocks-background-container\">\n    \n\n<div class=\"container px-2 md:px-0 py-7 md:py-8 bg-black text-white grid-6 md:grid-16 relative shadow--bottom\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4 relative\">\n        \n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bruder von Mehmet Turgut<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mustafa Turgut<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Sie haben meinen Eltern den Sohn und die Heimat geraubt<\/p>\n\n\n    <\/div>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"container grid-6 md:grid-16 px-2 md:px-0 bg-white md:border-l-2 md:border-r-2 border-black\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4\">\n        <div class=\"z-50 sticky\" style=\"top: 50px\">\n            <button type=\"button\" class=\"wp-block-button bg-white text-black readmore-button\" style=\"transform:translateY(-50%)\">\n                Mehr lesen\n            <\/button>\n        <\/div>\n        <div class=\"py-5 md:pt-6 md:pb-8\" style=\"display: none\">\n            \n\n<p class=\"is-style-text--running wp-block-paragraph\">Memo, f\u00fcr mich wird er immer Memo bleiben. Memo \u2013 so nannten wir meinen gro\u00dfen Bruder Mehmet. Ich war 12 Jahre alt, als er in Deutschland ermordet wurde. Wenn ich mich an ihn erinnere, sehe ich immer wieder dieselben Szenen vor mir. Eine ist: Memo und ich gehen in den Wald, um Feuerholz zu sammeln. Es ist Sommer. Es ist sehr hei\u00df, das Sammeln ist anstrengend. Mehmet ist ersch\u00f6pft, aber er l\u00e4sst nicht zu, dass ich ihm helfe, weil ich ja noch so klein bin. Dann merken wir, dass wir vergessen haben, Wasser mitzunehmen. Das ist meine Schuld und mein gro\u00dfer Bruder ist ziemlich sauer auf mich.<br><br>Zum Gl\u00fcck ist in der N\u00e4he ein kleiner Bachlauf. Nur: Wir haben keinen Beh\u00e4lter dabei, um Wasser zu holen. Da zieht Mehmet seinen Schuh aus und sagt: \u201eLos, wasch ihn gut aus und bring darin das Wasser hierher.\u201c Und dann haben wir zusammen aus dem Schuh getrunken und wir waren wieder vers\u00f6hnt.<br><br>Ich bin das j\u00fcngste von f\u00fcnf Geschwistern, Mehmet war 14 Jahre \u00e4lter als ich. Wir hatten daher nur wenig gemeinsame Zeit miteinander, denn Memo war h\u00e4ufig in Deutschland. Seine Stimme h\u00f6rte ich oft nur durchs Telefon. Deutschland war wie ein Sog f\u00fcr ihn. Er hatte keine Arbeitserlaubnis dort, keine Aufenthaltserlaubnis. Er wurde abgeschoben und kehrte doch immer wieder dorthin zur\u00fcck. Ich glaube, dass es ihm nicht sehr gut ging dort. Und doch bedeutete Deutschland f\u00fcr ihn Hoffnung.<br><br>Mein Vater hat immer gedr\u00e4ngt: \u201eGeh nicht mehr nach Deutschland. Was willst Du da? Bleib hier. Heirate hier. Es gab da auch ein M\u00e4dchen in unserem Dorf, das er liebte. Aber Mehmet erwiderte: \u201eVater, wovon sollen wir hier leben? Du versorgst uns, aber wir k\u00f6nnen nicht immer von deiner Arbeit leben. Ich m\u00f6chte selbstst\u00e4ndig sein. Ich will nach Deutschland fahren.\u201c Am Ende hat unser Vater aufgegeben. Er hat ihm die Erlaubnis erteilt, er hat sogar Schulden gemacht, damit er einen Pass bekam und reisen konnte.<br><br>Auch als Mehmet wenige Monate sp\u00e4ter in Deutschland erschossen wurde, hat mein Vater gesagt: \u201eWir h\u00e4tten ihn nicht aufhalten k\u00f6nnen, egal was wir gemacht h\u00e4tten. Es war sein Schicksal. Man h\u00e4tte einen Berg auft\u00fcrmen k\u00f6nnen \u2013 er w\u00e4re dar\u00fcbergestiegen.\u201c<br><br>Im Februar 2004 war klar, dass er aus dem fernen Land hinter dem Berg nicht mehr lebend zur\u00fcckkommen w\u00fcrde. Ich erinnere mich noch genau an den Tag. Ich ging damals in die f\u00fcnfte Klasse in Elazig, der n\u00e4chstgelegenen Kleinstadt, denn in unserem Dorf gibt es keine Mittelschule. In der Mittagspause kam meine Cousine pl\u00f6tzlich schreiend auf mich zu gerannt. \u201eMustafa, lauf schnell nach Hause. Deine Gro\u00dfmutter ist tot!\u201c Ich rannte und rannte, und als ich in unser Dorf einbog, da war die Stra\u00dfe vor unserem Haus voller Menschen. Ich musste mich erst durch die Menge dr\u00e4ngen, aber in der T\u00fcr habe ich schon gesehen: Die Gro\u00dfmutter lebt ja! Ich habe gerufen: \u201eGro\u00dfmutter, bist Du tot?\u201c Da hat dann ein guter Bekannter meiner Familie versucht, mich wegzuf\u00fchren. \u201eDu bist doch gerade erst von der Schule gekommen, Du musst hungrig sein. Du musst etwas essen.\u201c Ich habe nicht verstanden, warum die Leute so unglaublich weinten, obwohl die Gro\u00dfmutter doch lebte. Dann hat meine Schw\u00e4gerin geschluchzt: \u201eMemo. Memo ist tot.\u201c Da habe ich geahnt, dass etwas Schreckliches passiert ist.<br><br>Als ich schlie\u00dflich doch ins Haus kam, sah ich meine Mutter auf dem Boden liegen. Sie war ohnm\u00e4chtig geworden und die Leute versuchten, sie mit K\u00f6lnisch Wasser zu wecken. Mein Vater stand da wie versteinert. Er weinte nicht. Er hat nur gesagt: \u201eDein Bruder ist tot.\u201c Erst Jahre sp\u00e4ter habe ich verstanden, warum er nicht weinen konnte.<br><br>Als Mehmets Leichnam aus Deutschland nach Hause kam, wollte mein Vater seinen Sohn unbedingt noch einmal sehen. Der Sarg war ge\u00f6ffnet, mein Vater k\u00fcsste Mehmet auf die Stirn und sagte nur: \u201eNun k\u00f6nnt Ihr ihn begraben.\u201c Meine Mutter musste man mit Gewalt von dem Anblick abhalten. Aber ich sah meinen toten Bruder: Er war wei\u00df wie die Decke, ein wenig unwirklich, aber auch sehr sch\u00f6n. Das ist das letzte Bild, das ich von meinem Bruder in Erinnerung habe.<br><br>Meine Mutter ist dann jeden Tag zu dem H\u00fcgel gegangen, wo Mehmets Grab liegt. Hin und her. Tag f\u00fcr Tag. Monat f\u00fcr Monat. Mein Vater hingegen war sehr still und geduldig. Er redete nicht viel. Gott hat ihm die F\u00e4higkeit gegeben, in dieser Situation so ruhig zu bleiben. Wie wichtig das war, habe ich erst sp\u00e4ter wirklich zu sch\u00e4tzen gelernt.<br><br>Denn schon bald fingen die qu\u00e4lenden Fragen und Ger\u00fcchte an: Wer hat Mehmet erschossen? Und warum?<br><br>Haydar, der Besitzer des Rostocker Imbiss, in dem Mehmet get\u00f6tet wurde, war damals mit dem Leichnam aus Deutschland mitgereist. Er stammt auch aus unserem Dorf und hat versucht zu erkl\u00e4ren. Aber es gab nichts zu erkl\u00e4ren. Er war verzweifelt. Er hat gesagt: \u201eIhr k\u00f6nnt mich erschie\u00dfen, aber ich wei\u00df nicht, wer es getan hat und warum es passiert ist.\u201c Er hat meinen Bruder am Boden liegend gefunden, als er in seinen Imbiss zur\u00fcckkam. Da lebte Mehmet noch und er hat ihn gefragt: \u201eMehmet, was ist passiert, wer war das?\u201c Aber Mehmet konnte nicht mehr antworten.<br><br>Was dann folgte, war ein Albtraum f\u00fcr unsere Familie. Alle suchten nach Erkl\u00e4rungen und die Zeit der Ger\u00fcchte im Dorf begann. Einige sagten zu meinem Vater: \u201eDein Sohn hat in Deutschland bestimmt Drogen verkauft.\u201c Andere meinten: \u201eDas hatte etwas mit Frauen zu tun.\u201c Wieder andere behaupteten: \u201eDas war Haydars Schuld\u201c \u2013 die Schuld des Imbissbesitzers. Er habe meinen Bruder umbringen lassen. Einige phantasierten, Haydar habe Mehmet eigenh\u00e4ndig get\u00f6tet und das erst drei Tage sp\u00e4ter offengelegt. Wieder andere waren sich sicher: \u201eEs war eine Verwechselung. Die M\u00f6rder wollten eigentlich Haydar selbst umbringen und nicht Mehmet.\u201c Jeder im Dorf hatte eine Erkl\u00e4rung. Die Ger\u00fcchte waren so schlimm, dass einige sogar sagten: \u201eIhr habt euren Sohn selbst umgebracht.\u201c Das war ungeheuer verletzend.<br><br>Irgendwann kam dann auch die deutsche Polizei. Die Beamten kamen nicht in unser Dorf. Sie haben nicht meine Eltern befragt. Sie fragten im Nachbardorf herum: Hatten die Turguts Feinde? Gab es einen Anhaltspunkt f\u00fcr Blutrache? Die deutsche Polizei hat auch meinen Bruder Yunus mehrmals nach Ankara mitgenommen zum Verh\u00f6r. Und immer hat man ihm dort erkl\u00e4rt: Das war bestimmt einer von euch. Niemand hat uns geglaubt, dass das v\u00f6lliger Unsinn war. Das war das Schlimmste. Die deutsche Polizei hat unsere ganze Familie schlecht gemacht, indem sie in der Gegend nach uns fragte. Sie hat die Ger\u00fcchte zus\u00e4tzlich aufgeheizt. Die Verd\u00e4chtigungen nahmen ein solches Ausma\u00df an, dass es die Familie fast zerst\u00f6rt h\u00e4tte.<br><br>Unsere Familie war nicht reich. Wir sind Landwirte. Aber mein Vater wurde immer \u2013 egal, wo er hingegangen ist \u2013 respektiert. Die Leute sind vor ihm aufgestanden, wenn er kam \u2013 nicht des Geldes wegen, sondern weil sie ihn sch\u00e4tzten. Sie respektierten ihn als Menschen. Und dann hat der Mord an Mehmet alles ver\u00e4ndert. Vorher sind meine Eltern mit Stolz und W\u00fcrde durch die Stra\u00dfen gegangen. Nach dem Tod ihres Sohnes gingen sie nur noch mit gesenktem Kopf.&nbsp;<br><br>Mein Vater hat alle Ger\u00fcchte nat\u00fcrlich mitbekommen. Aber er hat daf\u00fcr nie jemanden zur Rede gestellt. Er hat einfach nur gewartet. Gewartet und gebetet. Aber irgendwann hat auch er es nicht mehr ausgehalten. Er musste nicht nur den Tod des Sohnes verkraften, sondern auch die Anfeindungen von Nachbarn und Verwandten. Denn die Spekulationen wollten einfach nicht aufh\u00f6ren.<br><br>Irgendwann hat mein Vater deshalb entschieden, aus seinem Heimatdorf wegzuziehen. Er hat ein Grundst\u00fcck in Elazig gekauft und dort ein Haus gebaut. Er hat es so gebaut, dass er keine Nachbarn mehr hatte. Er wollte irgendwohin, wo er niemanden sehen muss, nichts mehr h\u00f6ren muss und wo er nicht gest\u00f6rt wird. Mit dem Umzug wollte er auch meine Mutter entlasten. Denn sie ist weiterhin jeden Tag zu Mehmets Grab gegangen. Tagaus, tagein. Es war schwer mit anzusehen, wie sie sich qu\u00e4lte.<br><br>Aber auch mit dem Umzug kehrte keine Ruhe ein. St\u00e4ndig kamen Anrufe aus Deutschland. Von meinem Cousin, der in Deutschland lebt, von dem Imbissbesitzer Haydar. Der Cousin sagte: \u201eHaydar ist schuld. Wir m\u00fcssen ihm das heimzahlen.\u201c Der eine machte dem anderen Vorw\u00fcrfe. All diese Ger\u00fcchte und Anschuldigungen haben die Familienmitglieder gegeneinander aufgebracht.<br><br>Nat\u00fcrlich haben wir damals auch \u00fcberlegt, dass es Rechtsradikale gewesen sein k\u00f6nnten, die Mehmet ermordet haben. Wir hatten doch keine Feinde in der T\u00fcrkei und Mehmet hatte sich in Deutschland nichts zuschulden kommen lassen. Mein Vater hatte zuvor ja auch einige Zeit in Deutschland gearbeitet. Er kannte Ausl\u00e4nderfeindlichkeit. Er war sich sicher: Das waren bestimmt die Kahlk\u00f6pfe. Dann hat wieder mein Cousin aus Deutschland angerufen und gesagt: \u201eDie Polizei sagt nein. Es gibt keine Hinweise, dass es Rechtsradikale waren.\u201c Wir hatten keine andere Erkl\u00e4rung, doch keiner hat uns geglaubt. Das war das Schlimmste. Nur mein Vater war sicher: \u201eEs waren die Neonazis und eines Tages kommt die Wahrheit heraus.\u201c<br><br>Ich habe das alles nur schwer ausgehalten. Selbst als Kind blieb ich nicht von der Ger\u00fcchtek\u00fcche verschont. In der Schule, \u00fcberall. Nach jedem Anruf aus Deutschland schwirrten neue Ger\u00fcchte in meinem Kopf. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. In der Schule fielen meine Leistungen ab. Meine Gedanken waren nicht mehr frei. Mehmets Tod war jeden Tag Thema, ausnahmslos. Jahrelang. Und gleichzeitig war es f\u00fcr mich schwer zu ertragen zu sehen, wie meine Eltern litten. Es war, als sei ihnen mit dem Tod Mehmets auch die Seele genommen worden. Meine Mutter wurde von Tag zu Tag kleiner und d\u00fcnner. Es war, als w\u00fcrde sie verschwinden. Mein Vater versteinerte immer mehr. Er war ein gebrochener Mann. Memos M\u00f6rder hatten meinen Eltern nicht nur den Sonn geraubt, sie hatten ihnen auch die Heimat, die Freunde und Verwandten genommen.<br><br>Dann kam der November 2011. Da war ich schon von zu Hause weggezogen und arbeitete in Antalya in einem Restaurant. Ich erinnere mich noch genau, wie das Telefon klingelte. Mein Cousin aus Deutschland rief an. \u201eWie geht\u2019s dir?\u201c Und dann hat er erz\u00e4hlt: \u201eWir wissen, wer Mehmet umgebracht hat. Es waren Neonazis.\u201c Anders als viele Menschen in Deutschland und in der T\u00fcrkei habe ich das nicht so sehr als Schock empfunden. Nach all den Jahren war es eher eine gro\u00dfe Erleichterung. Jetzt ist die Zeit der Anschuldigungen und Ger\u00fcchte endlich vorbei. Endlich! Auch von meinen Eltern ist damit eine Last abgefallen. Nach all den Verd\u00e4chtigungen hatten sie ja schon selbst das Gef\u00fchl, schuldig zu sein. Jetzt ist zumindest die Anspannung weg. Sie haben Gewissheit. Es geht ihnen besser.<br><br>Die Tatsache, dass mein Bruder allein deshalb sterben musste, weil er T\u00fcrke war, besch\u00e4ftigt meine Eltern nicht so sehr. Mein Vater hat, als er in Deutschland gearbeitet hat, ja das Land und die Menschen dort kennengelernt. Er hat auch jetzt, nach dem klar ist, dass deutsche Neonazis seinen Sohn gezielt gemordet haben, keinen Hass auf die Deutschen. Mein Vater sagt: Es war Mehmets Schicksal. Er akzeptiert den Tod. Was ihm am schwersten f\u00e4llt, ist, dass sein Sohn nicht in der T\u00fcrkei, sondern in der Fremde sterben musste. Das ist sehr schmerzlich f\u00fcr ihn. Meiner Mutter geht es anders. Sie ist Analphabetin. Sie ist nie weit aus ihrem Dorf herausgekommen. Sie hat immer noch eine Wut auf die Deutschen und so geht es vor allem den Frauen im Dorf.<br><br>2004, als Mehmet ermordet wurde, dachte auch ich: Die Deutschen sind M\u00f6rder. In meiner Vorstellung waren sie alle Ungeheuer. Aber als ich dann aus meinem Dorf fort ging nach Antalya und dort als Kellner arbeitete, habe ich ein ganz anderes Bild von den Deutschen bekommen. Die deutschen Urlauber, die ich dort kennenlernte, waren nett und h\u00f6flich. Wenn ich bei anderen G\u00e4sten das Essen abr\u00e4umte, war der Tisch meist \u00fcbers\u00e4t mit Essensresten und Abf\u00e4llen. Die deutschen G\u00e4ste hingegen putzten sogar die Kr\u00fcmel weg. Sie waren freundlich, respektvoll \u2013 und sie konnten sogar lachen!<br><br>Manchmal denke ich dar\u00fcber nach, ob ich mein Bild nun wieder \u00e4ndern m\u00fcsste. Wenn in Deutschland Neonazis ungehindert Ausl\u00e4nder ermorden k\u00f6nnen, was ist das dann f\u00fcr ein Land? Aber wenn ich in mich hineinh\u00f6re, sp\u00fcre ich keinen Hass. Nat\u00fcrlich waren die Nazis, die meinen Bruder umgebracht haben, Deutsche. Aber ein Land ist wie eine Hand. Jeder Finger ist anders. Nicht alle sind gleich. Und so wie es b\u00f6se Menschen in Deutschland gibt, gibt es auch b\u00f6se Menschen in der T\u00fcrkei. Ich kann nicht einfach sagen, weil es hier Nazis gibt, sind alle Leute hier schlecht.<br><br>Seit Anfang 2013 lebe ich nun vor\u00fcbergehend selbst in Deutschland, damit ich als Nebenkl\u00e4ger den NSU-Prozess gegen Mehmets mutma\u00dfliche M\u00f6rder und ihre Komplizen beobachten kann. Wenn ich Beate Zsch\u00e4pe und die anderen Angeklagten vor mir auf der Anklagebank sehe, kann ich die Gef\u00fchle nicht unterdr\u00fccken. Da sind Hass und Wut. Diese Leute haben unsere Seelen zerst\u00f6rt und nun sitzen sie einfach da \u2013 grinsen, schweigen. Nein. Es geht mir nicht gut, wenn ich sie vor mir sehe. Aber mit der Hoffnung, dass das Gericht zu einem guten Ergebnis kommt, kann ich den Anblick verkraften.<br><br>Ich finde den Verlauf des Prozesses bis jetzt nicht zufriedenstellend, aber ich habe Vertrauen in das deutsche Justizsystem. Wenn es zu einem guten Urteil kommt, kann das sicher dazu beitragen, dass meine Eltern und ich unseren Frieden finden. Wir wollen die ganze Sache aufgekl\u00e4rt sehen und wir wollen, dass die T\u00e4ter bestraft werden. Was eine gerechte Strafe w\u00e4re? Ich wei\u00df es nicht. Ich mag mir nicht vorstellen, dass Beate Zsch\u00e4pe am Ende nicht als M\u00f6rderin verurteilt w\u00fcrde. Das k\u00f6nnte ich nicht verstehen, das k\u00f6nnte ich auch meinen Eltern \u00fcberhaupt nicht erkl\u00e4ren. Das k\u00f6nnten sie nie akzeptieren.<br><br>Ich lebe w\u00e4hrend des Prozesses in L\u00fcbeck bei meinem Bruder. Die Stadt gef\u00e4llt mir sehr gut. Es gibt einen sehr sch\u00f6nen See mit einem Fischimbiss. Den mag ich. Und die Menschen hier sind sehr nett. Ich habe nie erlebt, dass mich jemand b\u00f6se angeschaut hat. Nur manchmal denke ich daran: Dies ist das Land, in dem mein Bruder ermordet wurde. Dann wird mir schlecht. Besonders als ich mal in Rostock war, wo Mehmet get\u00f6tet wurde. Ich habe den Imbiss gesehen, wo man ihn erschossen hat. Die Gef\u00fchle bei dem Anblick mag ich bis heute nicht beschreiben.<br><br>Aber es ist nicht so, dass ich durch die Stra\u00dfen gehe und denke: Der oder der k\u00f6nnte so denken wie die M\u00f6rder meines Bruders. Wenn ich in die Gesichter der Leute schaue, habe ich auch keine Angst. Selbst wenn ich mich dazu zwingen m\u00fcsste, ich kann bisher in den Menschen, die mir begegnet sind, nichts Schlechtes entdecken. Ich habe nach wie vor ein sehr positives Bild von den Deutschen. Ich denke auch nicht jeden Tag daran, was hier Schreckliches passiert ist. Nein. Ich f\u00fchle mich in Deutschland sogar wohler und freier als in der T\u00fcrkei. Man sp\u00fcrt, dass hier mehr Demokratie herrscht. Man kann sich hier ungezwungener bewegen, gerade als junger Mensch. Das gef\u00e4llt mir. Diese Freiheit genie\u00dfe ich. Ich habe angefangen Deutsch zu lernen. Ich m\u00f6chte es so gut lernen, dass ich wie ein Deutscher spreche.<br><br>F\u00fcr meinen Bruder Mehmet war Deutschland das Land der Hoffnung. Heute kann ich ihn verstehen. Er ist immer wieder nach Deutschland gegangen, um hier zu arbeiten. Er wollte Geld sparen, um eine Familie zu gr\u00fcnden und meinen Eltern zu helfen. Es war kein leichter Weg, er hat ihn mit dem Leben bezahlt. Jetzt w\u00fcrde ich gerne den Traum, den Mehmet hatte, erf\u00fcllen und meine Eltern unterst\u00fctzen. Das ist wie ein Verm\u00e4chtnis. Nach vielen Anstrengungen habe ich nun endlich auch f\u00fcr die Zeit meines Aufenthalts hier in Deutschland eine Arbeitserlaubnis bekommen und bin nicht mehr auf Unterst\u00fctzung von anderen angewiesen. Ich arbeite in einem Imbiss \u2013 ganz so wie Memo.<br><br>Als bekannt wurde, dass es Neonazis waren, die meinen Bruder ermordet haben, war man in Deutschland sehr betroffen. Politiker, Journalisten und viele Menschen waren ersch\u00fcttert. Diese Anteilnahme hat sehr gutgetan. Das mildert die Schmerzen nicht, aber es tr\u00f6stet. Die \u00f6ffentliche Reaktion in Deutschland war vor allem f\u00fcr meine Eltern sehr wichtig. Ich war mit anderen Angeh\u00f6rigen der Opfer sogar im Kanzleramt und habe dort Bundeskanzlerin Merkel getroffen. Dort eingeladen zu sein, war f\u00fcr mich sehr beeindruckend. Und was sie gesagt hat, waren auch zu 95 Prozent die richtigen Worte. Aber bis heute fehlt, was sie schon vorher versprochen hatte:<br><br>Dass die Morde und ihr Umfeld l\u00fcckenlos aufgekl\u00e4rt werden. Das ist bisher nicht geschehen. Trotz der \u00f6ffentlichen Anteilnahme f\u00fchle ich mich von der deutschen Politik nicht ausreichend unterst\u00fctzt. Bis auf wenige Ausnahmen hat sich bisher niemand wirklich Zeit genommen, mit uns zu reden.<br><br>Als 2011 klar wurde, wer meinen Bruder ermordet hat, hat das eine gewisse Erleichterung in unser Leben gebracht. Von den Verwandten, die sich an der Ger\u00fcchtek\u00fcche beteiligt haben, hatte ich trotzdem die Nase voll. Ich bin deshalb weggegangen aus unserer Heimat. Ich wollte dorthin, wo mich niemand kennt. Ich f\u00fchle mich unter Freunden wohler. Das Verh\u00e4ltnis zu unseren Verwandten ist zwar etwas besser geworden, seit klar ist, wer meinen Bruder umgebracht hat, aber es ist wie mit einem Glas. Wenn es auf den Boden gefallen und zersplittert ist, kann man die Scherben zwar kleben, aber es wird trotzdem niemals so sein wie fr\u00fcher.<br><br>Ich bin jetzt 22 Jahre alt. Aber ich habe so viel erlebt, so viele Schmerzen erlitten, dass ich mich manchmal sehr alt f\u00fchle. Als Kind wollte ich Pilot werden oder Staatsanwalt. Doch nach allem, was nach Mehmets Tod passiert ist, sind diese W\u00fcnsche verblasst. Erst ganz allm\u00e4hlich kann ich jetzt wieder an die Zukunft denken. Ich w\u00fcrde gerne in Deutschland studieren. Ich kann mir sogar vorstellen, Staatsanwalt zu werden. Aber wenn, dann m\u00f6chte ich unbedingt Staatsanwalt in Deutschland werden. Mir gef\u00e4llt es, wie der Staatsanwalt und der Richter im M\u00fcnchner Prozess mit den Menschen umgehen. Manchmal treffe ich den Richter zuf\u00e4llig in der Gerichtspause. Er gr\u00fc\u00dft mich freundlich, h\u00e4lt mir die T\u00fcr auf oder fragt mich: \u201eWarum sind Sie denn so d\u00fcnn?\u201c So etwas kann man sich in der T\u00fcrkei gar nicht vorstellen.<br><br>Uns ist etwas Schreckliches geschehen. Der Schmerz dar\u00fcber ist nicht vorbei. Jeden Abend, wenn ich den Kopf auf mein Kissen lege, bete ich f\u00fcr Memo. Aber wenn ich heute in die Zukunft schaue, glaube ich, dass ich meine W\u00fcnsche erf\u00fcllen kann, vielleicht in zwei oder drei Jahren. Ja, ich sehe eine sonnige Zukunft vor mir.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">aus: Barbara John (Hrsg.), <em>Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen. Was der NSU-Terror f\u00fcr die Opfer und Angeh\u00f6rigen bedeutet<\/em>, HERDER, 2014<\/p>\n\n\n        <\/div>\n    <\/div>\n<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n<div id=\"wp-blocks-background-container\">\n    \n\n<div class=\"container px-2 md:px-0 py-7 md:py-8 bg-black text-white grid-6 md:grid-16 relative shadow--bottom\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4 relative\">\n        \n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Sohn von \u0130smail Ya\u015far<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kerem Ya\u015far<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Ich f\u00fchle mich so heimatlos<\/p>\n\n\n    <\/div>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"container grid-6 md:grid-16 px-2 md:px-0 bg-white md:border-l-2 md:border-r-2 border-black\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4\">\n        <div class=\"z-50 sticky\" style=\"top: 50px\">\n            <button type=\"button\" class=\"wp-block-button bg-white text-black readmore-button\" style=\"transform:translateY(-50%)\">\n                Mehr lesen\n            <\/button>\n        <\/div>\n        <div class=\"py-5 md:pt-6 md:pb-8\" style=\"display: none\">\n            \n\n<p class=\"is-style-text--running wp-block-paragraph\">Ich h\u00e4tte den M\u00f6rder sehen k\u00f6nnen. Vom Hof meiner Schule aus. Vielleicht h\u00e4tte ich sogar die Sch\u00fcsse geh\u00f6rt, die meinen Vater get\u00f6tet haben. Der Imbiss meines Vaters stand ja direkt gegen\u00fcber meiner Schule auf einem Parkplatz. Fast in jeder Pause bin ich \u00fcber die Stra\u00dfe zu ihm ihn, hab mit ihm geredet, mir schnell was zu essen geholt. Nur ausgerechnet an dem Tag, als es passierte, war ich nicht in der Schule. Ich war damals beim Praktikum in einem Betrieb.<br><br>Dort hatte ich gerade eine Fr\u00fchst\u00fcckspause und kam vom Supermarkt gegen\u00fcber zur\u00fcck. Da sah ich schon ein Polizeiauto im Hof. In der Werkstatt standen zwei Beamte: \u201eSind Sie Kerem Ya\u015far?\u201c \u201eJa\u201c. Und dann haben sie mir direkt ins Gesicht gesagt, ohne jede Vorwarnung: \u201eIhr Vater ist tot.\u201c Der Satz klang in meinen Ohren. \u201eIhr Vater ist tot.\u201c Ich hatte keine Ahnung, was passiert war. Die Beamten haben mich dann zur Polizeiwache gebracht. Dort sa\u00df schon meine Mutter. Wir hockten uns hin und haben geweint. Ohne Ende.<br><br>Meine Eltern lebten damals schon getrennt. Ich wohnte bei meiner Mutter, aber mein Vater und ich haben uns fast t\u00e4glich gesehen. Ich habe auch oft bei ihm \u00fcbernachtet. Wir hatten ein sehr enges Verh\u00e4ltnis. Er war eher ein ruhiger Typ, so wie ich. Er war sehr stolz auf mich. Es gab so viele Dinge, die ich an ihm mochte \u2013 vor allem sein Lachen. Aber das wichtigste war, dass er einfach da war. Bei all dem, was in den vergangenen Jahren passiert ist, war das dann auch das Allerschlimmste: ohne Vater aufwachsen zu m\u00fcssen \u2013 und das in einem Alter, wo man ihm am meisten braucht. Mein Vater h\u00e4tte mir den Weg ins Leben zeigen k\u00f6nnen.<br><br>Mein Vater war ein sehr freundlicher, beliebter Mann. Er hat keinen Alkohol getrunken, nie. Er war ein \u201esauberer\u201c Mann. Im Sommer zuvor waren wir noch gemeinsam in der T\u00fcrkei, mein Vater, meine Mutter und ich. Wir hatten eine enge Verbindung zu seiner Familie dort. Dann war mit einem Schlag alles ganz anders.<br><br>Die Familie meines Vaters verd\u00e4chtigte nun meine Mutter. Sie sei schuld am Tod meines Vaters. Es gab ja keine Spur von anderen T\u00e4tern. Die Verwandten in der T\u00fcrkei behaupteten deshalb, meine Mutter habe sich an meinem Vater r\u00e4chen wollen wegen der Trennung und weil sie sein Erbe wollte. Die Beschuldigungen waren so schlimm, dass meine Mutter sogar Angst hatte, mit uns Kindern zur Beerdigung zu fliegen. Wir haben den Leichnam meines Vaters deshalb nur bis Istanbul begleitet. In sein Heimatdorf, wo er begraben wurde, hunderte Kilometer weiter nahe der syrischen Grenze, haben wir uns nicht gewagt. Bis heute bin ich deshalb noch kein Mal am Grab meines Vaters gewesen.<br><br>Vor seinem Tod war noch alles in Ordnung. Danach ist die Familie v\u00f6llig auseinandergebrochen. Jahrelang gab es keinerlei Kontakt. Erst als 2011 die wahren M\u00f6rder meines Vaters aufgesp\u00fcrt wurden, lie\u00dfen die Beschuldigungen gegen meine Mutter nach. Doch all die h\u00e4sslichen Dinge, die gesagt wurden, vergisst man nicht. Ich denke deshalb: Die M\u00f6rder haben mir nicht nur meinen Vater genommen, sondern auch die eine H\u00e4lfte meiner Familie.<br><br>\u00dcber meinen Vater zu reden, f\u00e4llt mir heute noch schwer. Ich vermisse ihn so sehr. Wenn ich an ihn denke, kommen mir auch jetzt die Tr\u00e4nen. Deshalb mag ich eigentlich gar nicht erz\u00e4hlen, was in der Zeit nach seinem Tod passiert ist. Ich habe mich damals sehr zur\u00fcckgezogen \u2013 wollte niemanden sehen, mit niemandem dar\u00fcber reden, auch mit Freunden nicht. Bis heute vermeide ich das Gespr\u00e4ch dar\u00fcber. Der Schmerz ist so schon gro\u00df genug. Wenn ich jetzt doch erz\u00e4hle, dann nur, weil ich will, dass die Leute nicht vergessen, was man uns angetan hat.<br><br>Nach dem Tod meines Vaters fingen sofort die Vernehmungen an. Die Polizei fragte mich, wer in dem D\u00f6nerladen ein und aus gegangen ist. Sie nahmen Fingerabdr\u00fccke und DNA-Proben von mir, als ob ich, der 15-j\u00e4hrige Sohn, der T\u00e4ter w\u00e4re. Sie haben auch meine Mutter verd\u00e4chtigt, etwas mit dem Mord zu tun zu haben. Sie haben ihr Behauptungen aufgetischt, die einfach nicht gestimmt haben \u2013 blo\u00df damit sie irgendetwas erz\u00e4hlt. Richtige Fangfragen waren das. Irgendwann behaupteten sie, mein Vater h\u00e4tte vom Imbiss aus Drogen an Jugendliche verkauft. Der Stand wurde versiegelt, monatelang. Meine Mutter musste trotzdem weiter Miete zahlen und hatte am Ende einen Berg Schulden. Selbst die D\u00f6nerspie\u00dfe hat die Polizei auf Drogen untersucht. Nirgends haben sie irgendetwas gefunden. Aber diese Verd\u00e4chtigungen sprachen sich nat\u00fcrlich in der Gegend herum. Ich habe gesagt: Das kann nicht sein. Mein Vater ist kein Dealer. So was w\u00fcrde er nie machen! Nur: Wenn alle Leute dir einreden, dass er in irgendwas Schlimmen gesteckt hat, kommst du irgendwann selbst ins Gr\u00fcbeln. Aber eigentlich habe ich nie geglaubt, dass er etwas Kriminelles gemacht haben k\u00f6nnte.<br><br>Zum Gl\u00fcck waren meine Freunde da. Sie haben in der schweren Zeit loyal zu mir gestanden. Sie kannten meinen Vater ja. Alle haben sie gesagt: Diese Ger\u00fcchte und Verd\u00e4chtigungen, das kann nicht sein. Auch mein Klassenlehrer hat mich unterst\u00fctzt. Deshalb bin ich weiter auf meine alte Schule gegangen, obwohl ich von da aus jeden Tag auf den Ort gucken konnte, wo es passiert ist. Trotz allem habe ich ein Jahr sp\u00e4ter meinen Realschulabschluss geschafft und dann auch meine Lehre als Karosseriebauer abgeschlossen.<br><br>Freilich hat man sich in der ganzen Zeit Gedanken gemacht. Wer k\u00f6nnte meinen Vater get\u00f6tet haben? Man ist alle Personen durchgegangen, die bei ihm ein und aus gegangen sind. Aber auf den Gedanken, dass es Rechtsradikale gewesen sein k\u00f6nnten, bin ich nie gekommen. Klar wusste ich, dass es Nazis gibt, Skinheads, Glatzen, Leute, die was gegen Ausl\u00e4nder haben. Aber dass es so etwas Extremes gibt, h\u00e4tte ich nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten. Ich hatte doch deutsche und nicht-deutsche Freunde.<br><br>Ich kann mich noch an den Tag erinnern, als klar wurde, dass es diese Rechten waren. Ich war bei der Arbeit, als ein Kumpel mich anrief: \u201eKerem, die haben sie gefasst.\u201c Ich habe es nicht geglaubt. Auch nicht, als ich sp\u00e4ter die Bilder im Fernsehen sah. Ich dachte, das sei schon wieder eines von diesen Ger\u00fcchten. Nach all den Spekulationen glaubte man ja erst einmal gar nichts mehr. Erst nach zwei, drei Tagen war ich mir sicher.<br><br>Dann war es ein Gef\u00fchl von gro\u00dfer Erleichterung. Immer hatte die deutsche Polizei uns verd\u00e4chtigt. Und nun stellte sich heraus: Es waren keine von uns. Es waren welche von ihrem eigenen Volk. Neben der Erleichterung kam dann aber auch ein Gef\u00fchl von Hass. Als ich die Bilder von den T\u00e4tern sah, hab ich mir \u00fcberlegt, was ich mit denen machen w\u00fcrde, wenn ich sie in die H\u00e4nde bek\u00e4me. Was ich da gedacht habe, will bestimmt keiner von mir h\u00f6ren. Das hei\u00dft nicht, dass ich jetzt schlecht \u00fcber die Deutschen insgesamt denke. Von jeder Menschensorte gibt es gute und b\u00f6se. Aber nat\u00fcrlich hat es mich schockiert, dass mein Vater allein deswegen umgebracht wurde, weil er t\u00fcrkische Wurzeln hatte. Zwei Wochen bevor er get\u00f6tet wurde, hatte die Bild-Zeitung noch ein Interview mit ihm gemacht. Sie haben geschrieben, dass er guten D\u00f6ner macht und dass auch die Leute vom Arbeitsamt immer zu ihm gehen. Vielleicht sind die Nazis dadurch auf ihn aufmerksam geworden.<br><br>Man wird empfindlicher. Mein Gef\u00fchl f\u00fcr meine Umwelt hat sich ver\u00e4ndert, nachdem klar war, dass Rechtsradikale meinen Vater umgebracht haben, dass es Deutsche waren. Man geht zur Arbeit, man l\u00e4uft durch die Stra\u00dfen und guckt sich die Leute pl\u00f6tzlich genauer an. Ohne dass man es will, l\u00e4uft da ein Film ab: Vielleicht ist der oder der auch einer von denen? Oder er denkt zumindest so? Man fragt sich auch: Wer bin ich eigentlich? Ich bin zwar hier geboren und aufgewachsen, aber ich bin t\u00fcrkisch erzogen worden. Ich habe deutsche Freunde, ich komme mit allen klar, ich habe den deutschen Pass. Aber wenn man mich fragt, was ich bin, sage ich heute eher: Ich bin T\u00fcrke.<br><br>Bevor das mit meinem Vater passierte, habe ich mich eigentlich nie als Ausl\u00e4nder gef\u00fchlt. Ich f\u00fchlte mich hier wohl und sicher. Und dann merkst du pl\u00f6tzlich: Irgendetwas stimmt nicht. Dieses Misstrauen hat sich mittlerweile wieder etwas gelegt. Aber eines ist geblieben: Ich f\u00fchle mich irgendwie so heimatlos. Ich habe hier in Deutschland keine Heimat und dr\u00fcben in der T\u00fcrkei auch nicht. Wenn ich dort bin, bin ich Ausl\u00e4nder. Wenn ich hier bin auch. Ich bin hier geboren, ich habe hier Freunde und trotzdem habe ich keine wirkliche Heimat mehr. Man sp\u00fcrt, dass die Menschen einen hier nicht haben wollen als Ausl\u00e4nder \u2013 obwohl wir denen doch nichts getan haben.<br><br>Manchmal \u00fcberlege ich deshalb, in die T\u00fcrkei zu gehen. Aber auswandern w\u00e4re ein ungeheuer gro\u00dfer Schritt. Vielleicht wage ich den irgendwann. Gleichzeitig finde ich es sch\u00f6n hier. Ich lebe seit meiner Geburt in N\u00fcrnberg. Ich kenne mich hier aus. Es gibt so viele Dinge, die mich in Deutschland halten \u2013 die Kumpels, die Freundin, die Arbeit. Aber wie soll man sich heimisch f\u00fchlen in einem Land, in dem jahrelang nichts getan wird, um die M\u00f6rder des eigenen Vaters zu finden? Die zust\u00e4ndigen staatlichen Stellen haben erst jetzt auch nur zuf\u00e4llig rausbekommen, wer die T\u00e4ter waren. Das ist ein Skandal. Da denkt man sich, die Polizisten haben sich gar keine M\u00fche gegeben, weil sie meinten: Das waren halt Ausl\u00e4nder. Auch in meinem Freundeskreis haben wir \u00fcberlegt: W\u00e4ren die Ermordeten Deutsche gewesen, das Ganze w\u00e4re viel schneller aufgekl\u00e4rt worden \u2013 oder es w\u00e4re gar nicht mehr zu dem dritten oder vierten Mord gekommen. Das sind so Gedanken, die einem kommen.<br><br>Ich sehe die Polizei deshalb auch nicht als Hilfe an. Sie hat uns damals beschuldigt und ausgefragt und bis heute hat sich keiner von denen bei uns entschuldigt. Wie soll man da Vertrauen haben? Meine Einstellung ist daher: Man kommt auch ohne die klar. Ich habe bis heute auch nie die Polizei gerufen, wenn mal irgendwas war, eine Auseinandersetzung oder so etwas. Viele Polizisten sind selbst richtige Rechte. Ich habe erlebt, wie die mich an der Ampel angehalten haben, weil ich ein bisschen zu schnell gefahren bin. Die sind ausgestiegen und ein Beamter hat gleich die Waffe gezogen: \u201eH\u00e4nde aufs Lenkrad!\u201c Am helllichten Tag, mitten auf der Hauptstra\u00dfe hat er mich nach Drogen gefilzt! Die Leute, die vorbeifahren und einen kennen, die denken dann wieder: Was hat der denn verbrochen, dass er so gefilzt wird? Das war wie damals nach dem Tod meines Vaters. Die Polizei hat mich bei der Kontrolle richtig schlecht behandelt und da denkt man nat\u00fcrlich: Das ist wegen meiner dunklen Haarfarbe. Mit anderen h\u00e4tten sie das nicht gemacht.<br><br>Nein, ich habe kein Vertrauen mehr in die Polizei und auch nicht mehr in die Politik. Vielleicht liege ich falsch, aber nach meinem Gef\u00fchl steckt der Staat in der ganzen Sache auch tief mit drin. Man kann doch nicht elf Jahre lang mit einer Waffe rumlaufen, zehn Leute t\u00f6ten, Banken \u00fcberfallen und nie erwischt werden! Wenn man das Auto vor der T\u00fcr parkt und jemand f\u00e4hrt drauf, ist innerhalb kurzer Zeit klar, wer das war. Und diese Rechten da erschie\u00dfen Menschen, setzen sich hinterher aufs Fahrrad und k\u00f6nnen spurlos verschwinden? Das kann doch kein Zufall sein, dass das bei zehn Morden funktioniert hat.<br><br>Dass sich die Politiker jetzt bei uns daf\u00fcr entschuldigt haben, sicher, das war gut. Die Entschuldigungen waren wohl auch ehrlich gemeint. Die haben vorher ja selbst nichts davon gewusst. Nur kamen all diese sch\u00f6nen Worte verdammt sp\u00e4t. Wir wurden verd\u00e4chtigt und wie das Letzte behandelt. Das kann auch die ehrlichste Entschuldigung nicht wiedergutmachen. Was man erlebt hat, hat man erlebt.<br><br>Deshalb gehe ich auch nicht zu dem Prozess in M\u00fcnchen. Ich will den Leuten nicht ins Gesicht schauen. Ich wei\u00df nicht, was aus meinem Mund kommen w\u00fcrde, wenn ich ihnen gegen\u00fcberstehen w\u00fcrde. Die Leute, die das gemacht haben, m\u00fcssen richtig kranke Menschen sein \u2013 ohne Herz, ohne Seele, ohne Verstand. Einen anderen Menschen zu t\u00f6ten, muss doch sehr schwer sein. Ich glaube f\u00fcr die war das am Ende wie ein Spiel.<br><br>Das hei\u00dft nicht, dass der Prozess mir nichts bedeutet. Aber das deutsche Rechtssystem ist ja so: Die Zsch\u00e4pe kommt nach ein paar Jahren wieder raus, l\u00e4uft irgendwann \u00fcber die Stra\u00dfe und kann mit einer neuen Identit\u00e4t ein ruhiges Leben f\u00fchren. Das finde ich nicht in Ordnung. Sie sollte ihre gerechte Strafe bekommen. Nicht in dem Sinne, dass auch sie sterben muss. Aber sie sollte wenigstens bis ans Ende ihres Lebens im Gef\u00e4ngnis sitzen. Die Frau hat ja mit den beiden Typen zusammengelebt. Sie muss alles gewusst haben. Wenn sie nicht wegen Mordes verurteilt wird, h\u00e4tte ich kein Vertrauen mehr in den deutschen Staat. Null Prozent!<br><br>Nachdem das passiert war, mit meinem Vater, hat sich keiner um uns gek\u00fcmmert. Als sich das dann aufkl\u00e4rte, haben sich pl\u00f6tzlich alle f\u00fcr mich und meine Mutter und die anderen Familien interessiert. Jetzt zahlt der Staat 10.000 Euro f\u00fcr die Familien der Opfer. Gut, einerseits erleichtert das Geld das Leben ein bisschen. Aber dass man Menschenleben mit Geld aufwiegen will, das finde ich eigentlich eine Frechheit. Vielleicht denken die, dass wir unseren Mund halten, wenn wir Geld kriegen. Aber was ist das f\u00fcr ein Zeichen? 10.000 Euro f\u00fcr einen ermordeten Menschen \u2013 dabei ist ein Menschenleben doch unbezahlbar.<br><br>Trotz allem: Wenn man mich heute fragt, wie es mir geht, dann antworte ich: Gut. Ich bin jetzt 24. Ich habe meine Ausbildung als Karosseriebauer abgeschlossen. Jetzt mache ich meine zweite Ausbildung als KFZ-Lackierer. Im August 2015 werde ich fertig sein. Vielleicht mache ich noch meinen Meister. Ich will gut reinkommen in den Beruf, einen festen Vertrag bekommen. Und nach der Ausbildung m\u00f6chte ich gerne heiraten. Eine Familie gr\u00fcnden, irgendwann Kinder haben, ganz normal leben halt.<br><br>2013 bin ich zum ersten Mal wieder mit der Familie meines Vaters zusammengetroffen. Meine Gro\u00dfmutter und mein Onkel sind zum Prozess nach M\u00fcnchen nach Deutschland gekommen und wir haben uns vers\u00f6hnt. Sie zu sehen, nach allem was passiert ist, war schon ein komisches Gef\u00fchl. Aber nach ein bisschen Reden hat man sich doch wieder wohlgef\u00fchlt miteinander. Es war sehr sch\u00f6n, meine Gro\u00dfmutter wiederzusehen. Sie ist schon sehr alt und es war ihr gro\u00dfer Wunsch, noch einmal ihre Enkel zu treffen. Mein Onkel hat auch meine Mutter angerufen und sich bei ihr daf\u00fcr entschuldigt, dass die Familie ihr Unrecht getan hat. Freilich, es war nicht sch\u00f6n, was da von Seiten der Familie behauptet wurde. Aber trotzdem ist und bleibt es ja Familie. Vergessen kann ich das Ganze nicht so einfach \u2013 aber ich habe ihnen verziehen.<br><br>Was geschehen ist, werde ich sicher ein Leben lang in mir tragen. Die ersten zwei, drei Jahre ohne meinen Vater waren ohne jeden Halt. Aber mittlerweile f\u00fchle ich wieder Boden unter den F\u00fc\u00dfen, vor allem seit die Taten aufgekl\u00e4rt sind. Ich bin langsam wieder reingekommen ins Leben \u2013 und ich kann es endlich wieder genie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">aus: Barbara John (Hrsg.), <em>Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen. Was der NSU-Terror f\u00fcr die Opfer und Angeh\u00f6rigen bedeutet<\/em>, HERDER, 2014<\/p>\n\n\n        <\/div>\n    <\/div>\n<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n<div id=\"wp-blocks-background-container\">\n    \n\n<div class=\"container px-2 md:px-0 py-7 md:py-8 bg-black text-white grid-6 md:grid-16 relative shadow--bottom\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4 relative\">\n        \n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Familie von Halit Yozgat<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Familie Yozgat<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Im Namen Gottes\/Allahs<\/p>\n\n\n    <\/div>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"container grid-6 md:grid-16 px-2 md:px-0 bg-white md:border-l-2 md:border-r-2 border-black\">\n    <div class=\"col-span-full md:col-span-11 md:col-start-4\">\n        <div class=\"z-50 sticky\" style=\"top: 50px\">\n            <button type=\"button\" class=\"wp-block-button bg-white text-black readmore-button\" style=\"transform:translateY(-50%)\">\n                Mehr lesen\n            <\/button>\n        <\/div>\n        <div class=\"py-5 md:pt-6 md:pb-8\" style=\"display: none\">\n            \n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Rede vom 6. April 2016<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--running wp-block-paragraph\">Ich beginne meine Worte in respektvoller Andacht an alle Menschen in der ganzen Welt, die aus terroristischen Motiven ermordet worden sind.<br>&nbsp;<br>Sehr geehrte Freunde und G\u00e4ste,<br>herzlichen Dank daf\u00fcr, dass Sie uns an diesem schmerzerf\u00fcllten Tag nicht alleine gelassen haben und hier erschienen sind.<br>&nbsp;<br>Ich werde heute zu folgenden Themen Stellung nehmen:<br>1. Pers\u00f6nliche Worte<br>2. Die Hintergr\u00fcnde meines Lebenswunsches mit der Umbenennung der Holl\u00e4ndischen Stra\u00dfe in Halit Stra\u00dfe \u2013<br>3. Das Gerichtsverfahren am Oberlandesgericht M\u00fcnchen und der Verfassungssch\u00fctzer der Regierung Andreas Temme mittendrin<br>&nbsp;<br>Wie Sie wissen, wurde mein einziger Sohn Halit mit 21 Jahren von grausamen und bestialischen Menschen durch mehrere Kopfsch\u00fcsse ermordet.<br>&nbsp;<br>Jedes Jahr kommen wir daher am 6. April um 15:30 Uhr zusammen, um Halit zu gedenken. Wir sind Ihnen von Herzen dankbar, dass Sie keine M\u00fchen gescheut haben und ebenfalls mit uns hier sind.<br>&nbsp;<br>Diesen Teil meiner Rede widme ich jenen, die heute nicht hier erschienen sind:<br>&nbsp;<br>Menschen mit Ausl\u00e4nderhass haben entschieden, am 6. April 2006 einen T\u00fcrken in Kassel zu ermorden.<br>&nbsp;<br>Im Ermessen unseres erhabenen Gottes hat das Schicksal meinen einzigen, 21-j\u00e4hrigen Sohn Halit auserkoren.<br>&nbsp;<br>Wir hatten keinerlei offene Rechnungen und Bekanntschaften mit diesen brutalen Menschen. Sie haben einzig und allein meinen Sohn Halit ausgew\u00e4hlt, weil er ein T\u00fcrke ist.<br>&nbsp;<br>W\u00e4re die Wahl nicht auf Halit getroffen, h\u00e4tte man mich, Sie oder Ihre Kinder ermordet, denn in Kassel sollte ein T\u00fcrke erschossen werden!<br>&nbsp;<br>Deshalb haben alle in Kassel und Umgebung lebenden T\u00fcrken \u2013 ich inbegriffen \u2013 eine Lebensschuld an Halit.<br>&nbsp;<br>Diese Lebensschuld werden wir versuchen zu begleichen, indem wir jedes Jahr am 6. April um 15:30 Uhr hier am Halit Platz uns versammeln und an ihn gedenken, denn dieses SCHICKSAL h\u00e4tte jeden von uns treffen k\u00f6nnen.<br><br>Daher betrifft es uns alle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--large wp-block-paragraph\">Die Hintergr\u00fcnde meines Lebenswunsches mit der Umbenennung der Holl\u00e4ndischen in Halit Stra\u00dfe<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--running wp-block-paragraph\">Hitler hat wegen seinem Hass auf Juden unter dem Deckmantel einer reinen deutschen Rasse Millionen von Menschen t\u00f6ten lassen. Dieses wurde in der Geschichte von Deutschland zu einem schwarzen Schandfleck. Es wurde viel im Laufe der Zeit als Wiedergutmachung und f\u00fcr die Befreiung von diesem Schandfleck getan.<br><br>Im Grundgesetz hei\u00dft es sogar, dass niemand wegen seinem Geschlecht, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religi\u00f6sen oder politischen Anschauung benachteiligt oder bevorzugt werden darf.<br>&nbsp;<br>Fakt ist allerdings, dass die Mordserie seit dem Jahr 2000 genau gegens\u00e4tzliches aufzeigt. Seit 2000 wurden Menschen get\u00f6tet, weil sie Ausl\u00e4nder sind, unter ihnen auch mein Sohn Halit, der w\u00e4hrend er seine Hausaufgaben machte, erbarmungslos durch Ausl\u00e4nderfeinde erschossen wurde.<br>&nbsp;<br>Das Getane war und ist unzureichend.<br><br>Der Ausl\u00e4nderhass hat \u00fcberlebt und w\u00fctet weiterhin unter uns.<br>&nbsp;<br>Ich habe viel nachgedacht, wie ich die kommende Generation vor braunem Gedankengut und den Folgen daraus sch\u00fctzen kann. Es m\u00fcsste etwas sein, was diese grausamen Morde niemals vergessen l\u00e4sst und immer gegenw\u00e4rtig bleibt, um immer ein wachsames Auge zu haben.<br>&nbsp;<br>Deshalb haben wir eine Lebensaufgabe f\u00fcr uns definiert \u2013 die Umbenennung der Holl\u00e4ndischen Stra\u00dfe in Halit Stra\u00dfe.<br>&nbsp;<br>Zum einen ist Halit in der Holl\u00e4ndischen Stra\u00dfe geboren, hat dort gelebt und wurde dort brutal ermordet.<br>&nbsp;<br>Zum anderen ist die Holl\u00e4ndische Stra\u00dfe eine stark befahrene und lang erstreckende Stra\u00dfe. Sie stellt dabei einen Lebensmittelpunkt f\u00fcr viele Menschen dar.<br>&nbsp;<br>Mit einer Umbenennung in Halit Stra\u00dfe bin ich fest davon \u00fcberzeugt, dass viele sich fragen werden, wie die Namensgebung stattgefunden hat. Somit werden diese grausamen Morde niemals in Vergessenheit geraten und das wachsame Auge weiterhin gest\u00e4rkt.<br>&nbsp;<br>Leider bin ich ebenfalls fest davon \u00fcberzeugt, dass mit dem Halit Platz und der Haltestelle meine Beweggr\u00fcnde unzureichend erf\u00fcllt sind.<br>&nbsp;<br>Ich rufe von hier alle autorisierten Personen in Berlin, Wiesbaden, Kassel und alle B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen in Kassel dazu auf, uns bei der Erf\u00fcllung unserer Lebensaufgabe zu unterst\u00fctzen.<br>&nbsp;<br>Schaffen wir gemeinsam ein nachhaltiges Instrument f\u00fcr ein wachsames Auge gegen\u00fcber unserer zuk\u00fcnftigen Generation mit der Umbenennung der Holl\u00e4ndischen Stra\u00dfe in Halit Stra\u00dfe.<br>Mit Ihrem Beitrag zur Erf\u00fcllung unserer Lebensaufgabe, teilen Sie auch den Schmerz, den wir fortw\u00e4hrend f\u00fchlen und tragen dazu bei, dass dieser hoffentlich irgendwann auch weniger werden wird.<br>&nbsp;<br>Nun m\u00f6chte ich \u00fcberleiten auf den Prozess am Oberlandesgericht in M\u00fcnchen und dem Verfassungssch\u00fctzer Andreas Temme.<br>&nbsp;<br>Ich habe gro\u00dfen Respekt vor dem Vorsitzenden Richter Manfred G\u00f6tzl, dem Staatsschutz Senat und vor der deutschen Rechtsprechung.<br>&nbsp;<br>Der damalige Verfassungssch\u00fctzer Andreas Temme hat das Internet Caf\u00e9 vor dem Tod von Halit mindestens 50 Mal aufgesucht.<br>&nbsp;<br>Auch an diesem ersch\u00fctternden Tag, zur gleichen Zeit, als Halit erschossen wurde, war er im Internet Caf\u00e9.<br>&nbsp;<br>Was f\u00fcr ein Zufall.<br>&nbsp;<br>Er, ein Regierungsbeamter, dessen damalige berufliche Hauptt\u00e4tigkeit die Kontaktpflege mit Neonazis und deren F\u00fchrung war, befindet sich zum Mord, begangen von Ausl\u00e4nderfeinden, im Internet Caf\u00e9 und will nichts bemerkt haben? Er selbst meldet sich nicht einmal als Zeuge und muss als solcher erst durch die Polizei 14 Tage sp\u00e4ter ausfindig gemacht werden.<br>&nbsp;<br>Um dies zu pr\u00fcfen, wurde eine Rekonstruktion des Tathergangs verfilmt. Uns und allen anderen Anwesenden wurde dieser Film in M\u00fcnchen bei Gericht gezeigt. Dieser Film und die Tatherg\u00e4nge wecken keinerlei Glaubhaftigkeit! Allein das logische Denken zeigt auf, dass die verfilmten Tatherg\u00e4nge nicht der Realit\u00e4t entsprechen k\u00f6nnen.<br>&nbsp;<br>Das Internet Caf\u00e9 ist in zwei R\u00e4ume aufgeteilt. Im ersten Raum, welcher auch der Eingang ist, befinden sich drei Telefonkabinen und auch der Schreibtisch von Halit. Im zweiten Raum, dem Hinterraum sind die die Internet-PC-Tische aufgestellt. Beide R\u00e4ume sind durch eine T\u00fcr miteinander verbunden.<br>&nbsp;<br>Nun zu den Ungereimtheiten:<br>&nbsp;<br>1. Kurz nachdem Halit erschossen wird, verl\u00e4sst der Verfassungssch\u00fctzer Andreas Temme den Hinterraum und begibt sich in den Eingangsbereich, um seine Rechnung zu bezahlen. Gleich zu seiner Linken liegt Halit tot hinter dem Tresen. In der Verfilmung ist zu sehen, dass Temme demonstrativ nach allen Seiten nach Halit Ausschau h\u00e4lt aber nur nicht zu seiner Linken.<br>Dort h\u00e4tte er ihn so wie ich sofort gesehen.<br>&nbsp;<br>2. Er verl\u00e4sst den Eingangsbereich, geht nach drau\u00dfen, um nach Halit zu schauen und kehrt wieder \u00fcber den Eingangsbereich in den Hinterraum. Auch hier schaut er in der Verfilmung demonstrativ in alle Seiten nur diesmal nicht nach rechts.<br>Denn dort w\u00fcrde er Halit so wie ich sofort sehen.<br>&nbsp;<br>3. Temme kehrt in den Eingangsbereich f\u00fcr die Bezahlung seiner genutzten Dienstleistung vom Hinterzimmer zur\u00fcck.<br>Temme ist 1,94 m gro\u00df und steht vor dem 73 cm hohen Schreibtisch, auf dem Blutspritzer drauf sind. Dahinter liegt Halit langestreckt tot auf dem Boden, er ist zu 85% zu sehen. Lediglich seine F\u00fc\u00dfe sind unter dem Tisch. Temme legt 50 Cent auf den Tresen und will dabei bei seiner Gr\u00f6\u00dfe weder Halit hinter dem Schreibtisch gesehen haben noch beim Hinlegen des 50 Cent St\u00fcckes die Blutspritzer bemerkt haben.<br>Warum habe ich als Vater von Halit, sobald ich mich dem Tisch gen\u00e4hert habe, meinen Sohn liegen gesehen und Temme nicht, obwohl er Halit gesucht hat. Hat Temme beide Augen geschlossen, um ja Halit nicht zu sehen?<br>&nbsp;<br>Die Rekonstruktion wurde so gedreht, wie es dem damaligen Verfassungssch\u00fctzer Andreas Temme nutzte.<br>&nbsp;<br>Dieser Film hat mit der Realit\u00e4t nichts zu tun.<br>&nbsp;<br>Ich selbst habe vor einem Jahr am Oberlandesgericht M\u00fcnchen bei Herrn G\u00f6tzl und dem Senat beantragt, dass sie selbst sich das Internet Caf\u00e9, in dem mein Sohn Halit ermordet wurde, vor Ort anschauen sollten.<br><br>Sie sollten sich die \u00f6rtlichen Gegebenheiten ansehen und sehen, dass die Rekonstruktion mit der Realit\u00e4t nicht viel gemeinsam hat. Allerdings ist nun ein Jahr vergangen und es hat keine Vor-Ort Besichtigung stattgefunden.<br><br>Dies muss unbedingt nachgeholt werden.<br><br>Denn Temme l\u00fcgt. Temme hat entweder meinen Sohn erschossen oder die M\u00f6rder gesehen.<br>&nbsp;<br>Unsere letzten Worte richten wir an das Oberlandesgericht an den Vorsitzenden Herrn G\u00f6tzl und den Senat. Wir m\u00f6chten, dass sich der Senat vor Ort im Internet Caf\u00e9, in dem mein Sohn Halit ermordet wurde, von den \u00f6rtlichen Gegebenheiten in meinem Beisein ein Bild macht. Denn dann werden auch Sie sehen, dass der damalige Verfassungssch\u00fctzer l\u00fcgt.<br>&nbsp;<br>Sollte es keine Vor-Ort-Besichtigung geben und die Ungereimtheiten von dem damaligen Mitarbeiter des hessischen Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz nicht aufgekl\u00e4rt werden, weil der Senat Temme glaubt, ist f\u00fcr uns das gesprochene Urteil bei Beendigung des Prozesses vor Gericht nichtig.<br>&nbsp;<br>Wir werden das Urteil nicht anerkennen.<br>&nbsp;<br>Ich wiederhole, der Verfassungssch\u00fctzer der Regierung hat meinen Sohn entweder get\u00f6tet oder hat die M\u00f6rder gesehen.<br>&nbsp;<br>Eine andere Alternative gibt es nicht.<br>&nbsp;<br>Sehr geehrte Freunde und G\u00e4ste, vielen Dank, dass Sie alle hierher erschienen sind und uns Ihr Geh\u00f6r geschenkt haben.<br>&nbsp;<br>Halits Mutter hat t\u00fcrkisches S\u00fc\u00dfgeb\u00e4ck gebacken. Wir freuen uns, wenn Sie davon kosten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-text--running wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/initiative6april.wordpress.com\/2016\/06\/30\/\">https:\/\/initiative6april.wordpress.com\/2016\/06\/30\/<\/a><\/p>\n\n\n        <\/div>\n    <\/div>\n<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n<div id=\"wp-blocks-background-container\">\n    \n<\/div>\n\n\n<div id=\"wp-blocks-background-container\">\n    \n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"class_list":["post-372","page","type-page","status-publish","hentry"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Hintergrund - Kein Schlussstrich<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/kein-schlussstrich.de\/fr\/hintergrund\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"fr_FR\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Hintergrund - 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